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SKANDAL, VERBOT, VERFOLGUNG

 "Molière ist einer der gefährlichsten Feinde, die das Jahrhundert oder die Welt für die christliche Kirche hervorgerufen hat; und das ist umso bedauerlicher, weil er selbst nach seinem Tode die gleiche Verwüstung in den Herzen seiner Leser anrichtet, die er als Lebender in denen seiner Zuschauer verbreitete."

(der Jansenist Adrien Baillet 13 Jahre nach Molières Tod!)

  Die ursprünglich gar nicht vorgesehene und nur auf besonderen Wunsch des Königs erfolgte Uraufführung des Tartuffe am 2. Mai 1664 als Zugabe im Rahmen eines mehrtägigen Festes in Versailles entfachte einen Skandal. Es ist nicht auszuschließen, dass der König, dem der brisante Inhalt des Stückes bekannt sein musste, in Festeslaune die ihm unangenehmen konservativen Kreise des Hofes der Lächerlichkeit preisgeben wollte. Die schonungslose Vorführung moralisch verbrämter religiöser Heuchelei kompromittierte jedenfalls die echten „Tartuffes“ am Hofe Ludwigs XIV. so sehr, dass sie mit Unterstützung der Königin-Mutter Anna d’Autriche, einen Abbruch der Aufführung nach dem dritten Akt (möglicherweise war diese erste Fassung auch nur dreiaktig) und in Folge ein Verbot des Stückes erwirkten. Es war bei Exkommunikation verboten, das Stück auch nur zu lesen. Der Autor sah sich einer gnadenlosen Hetzkampagne ausgesetzt. Man forderte sogar seine Verbrennung. Obwohl der kunstsinnige junge Sonnenkönig zweifelsohne Gefallen am neuesten Werk seines Hofdichters fand, wollte er sich letzten Endes nicht eines Theaterstückes wegen mit dem konservativen Teil des Hofes und den beflissenen Tugendwächtern derCompagnie du Saint-Sacrement“ anlegen, zumal diese längst seinen eigenen lockeren Lebensstil im Visier hatten. Wie sehr Ludwig XIV. Molière schätze, zeigt, dass er es akzeptierte, Taufpate des ersten Kindes des Autors zu sein. Obwohl selbst der päpstliche Gesandte und die Mehrzahl der Prälaten nach Einzelvorlesungen keinen Anstoß daran nahmen, erlangte das Stück erst nach mehreren Umarbeitungen und nach dem Ableben der Königin Mutter und anderer einflussreicher Widersacher am 5. Februar 1669 in der heute bekannten Form seine Freigabe. Molière, der in der Zwischenzeit zehn neue Stücke – darunter Dom Juan, Der Misanthrop, Amphitryon und der Geizige - zur Aufführung gebracht hatte, bemühte sich um eine rasche Drucklegung, denn einmal veröffentlicht war das Werk in aller Zukunft von jeglicher Zensur verschont. Bereits am 23. März - ein Rekord für damalige Zeiten - war es gedruckt und trat seinen bis heute anhaltenden Siegeszug auf die Bühnen der Welt an.

   La Cour de Marbre in Versailles. Uraufführungsort des Tartuffe

AN DEN SONNENKÖNIG

 

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