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MOGELN IN DER ANTIKE

 

Lügen haben nicht nur die sprichwörtlichen „kurzen Beine“, mit denen man nicht weit laufen kann, sondern Lügen haben auch „lateinische Beine“, die weit aus der Vergangenheit kommen und doch Gegenwart sind ...

 

Zum Einstieg etwas Theorie:

 

Was ist eine Lüge?

Possumus igitur, nisi fallor, definire quia veritas est rectitudo sola mente perceptibilis.

Anselm von Canterbury, De veritate 11.

Wir können also, wenn ich mich nicht täusche, definieren: Die Wahrheit ist die allein mit dem Geist wahrnehmbare Strukturordnung.

 

Selbstlüge

Fallere qui temptat, saepissime fallitur ille.

MA H. Walther 8 763 Werner/Flury f 9.

Wer zu täuschen versucht, wird oft selbst getäuscht.

 

Ex improviso fallitur omnis homo.

MA H. Walther 8 271 Werner/Flury e 124.

Unversehens täuscht sich ein jeder Mensch einmal.

 

Fremdlüge

Blanditiae fallunt homines et dulcia verba.

MA H: Walther 2076 Werner/Flury b 17.

Schmeicheleien und süße Worte täuschen die Menschen.

 

Kollektivlüge

Mentiri nefas habebatur.

Cicero, De legibus 2,63.

Lügen galt als Unrecht.

 

Quid Romae faciam? Mentiri nesciam.

Iuvenal, Saturae 3,41.

Was soll ich in Rom machen? Vom Lügen verstehe ich nichts.

 

Sehnsucht nach Wahrheit

Mendaci homini ne verum quidem veritatem dicenti credere solemus.

Cicero, De divinatione 2,146.

Einem Lügner pflegen wir nicht einmal dann zu glauben, wenn er die Wahrheit sagt.

 

  

SCIENCE FICTION

 

Science Fiction, ein Begriff, mit dem man alles nur nicht die Antike verbindet. Aber weit gefehlt. Science Fiction kommt direkt aus dem Lateinischen zu uns: „science“ leitet sich vom lateinischen scientia (das Wissen, die Kenntnis) ab und „Fiction“ kommt von dem Lateinischen Wort fingere und bedeutet so viel wie etwas gestalten, erdichten oder ausdenken.

 

Auch im antiken Griechenland finden wir SCIENCE FICTION:

 

Lukian, ein griechischer Schriftsteller und Spötter, der „Münchhausen“ der Antike, macht sich schon in der Einleitung zu seinem Lügenroman „Wahre Geschichten“ lustig über die abenteuerlichen Berichte seiner Zeitgenossen:

 

„Ich griff zur Lüge, weil ich ohnehin nichts Wahres zu erzählen habe, denn ich habe ja nichts Nennenswertes erlebt. Aber ich sage wenigstens darin die Wahrheit, dass ich lüge.

Ich schreibe über Dinge, die es in Wahrheit gar nicht gibt und die es auch nicht geben kann. Daher dürfen meine Leser ihnen auch unter gar keinen Umständen Vertrauen schenken.“

 

Seine unglaubliche Reise bringt ihn unter anderem zu den Bewohnern der Haarsterne:

 

„Auf den Haarsternen hält man die Langhaarigen für schön. Bärte wachsen ihnen ein wenig oberhalb der Knie und sie haben keine Fußnägel, sondern alle sind einzehig. Über dem Steiß ist jedem von ihnen ein Kohlkopf gewachsen wie ein großer Schwanz, der immer blüht und, auch wenn man rückwärts fällt, nicht zerbricht. Sie schnäuzen scharfen Honig aus und wenn sie arbeiten oder Gymnastik betreiben, dann schwitzen sie am ganzen Körper Milch aus, so dass sie daraus Käse zubereiten können, indem sie etwas Honig darauf träufeln.

Den Bauch nutzen sie wie einen Ranzen, indem sie alles Lebensnotwendige in ihn füllen; man kann ihn auch öffnen und wieder schließen. Darin sind keine Innereien sichtbar, außer dass er im Inneren ganz haarig und zottig ist, so dass ein Neugeborenes hineinschlüpfen kann, wenn es kalt ist.“

 

 

PSEUDOLUS – DAS LÜGENMAUL

 

Einen griechischen Namen Pseudolus trägt die Titelfigur einer Komödie in lateinischer Sprache des Komödiendichters Plautus. Die Komödie steht und fällt mit diesem Lügenmaul. Dieser listige Sklave versteht es mit geschickt angebrachten Lügen alles zum Guten zu wenden, vor allem Verliebten zu ihrem Glück zu verhelfen. Sein Motto: „Gut! Jeder kriegt es, wie er`s braucht!“ oder im Original: euge, par pari aliud autem (Plautus Pseudolus II,692).

 

REIF FÜR DEN LÜGENDETEKTOR!

 

Wir bleiben lateinisch. Um einem Lügner auf die Schliche zu kommen, empfiehlt sich die Verwendung eines Lügendetektors. Wie dieser genau funktioniert, wollen wir hier nicht untersuchen; aber wir wollen den Detektor aufdecken.

Der lateinische detector ist ein Offenbarer und das lateinische Verb detegere ist ein aufdecken, enthüllen, ans Licht bringen. Der Dedektor ist daher mit dem Detektiv mehr als verwandt.

 

Einen Dedektor und Detektiv der Antike war Martial. Als einziger römischer Dichter verfasste Martial  um 40 n. Chr. ausschließlich Epigramme. Dabei beherrscht er eine breite Palette der Ausdrucksweise: krass-obszönem Realismus stehen Passagen sublimster gefühlvoller Dichtung zur Seite.

In seinen Epigrammen kritisiert er oft die Eitelkeiten und Eigenarten seiner Mitbürger, macht sich über sie lustig und deckt auch gerne Lügner, Schmeichler und eitle Menschen auf, die vorgeben etwas zu sein, das sie aber nicht sind.

Wie zum Beispiel im folgenden Gedicht, wo ein Mann sich die Haare färbt, um jünger auszusehen. Reiner Selbstbetrug!

 

Mentiris iuvenem tinctis, Laetine, capillis,

tam subito corvus, qui modo cycnus eras.

Non omnes fallis; scit te Proserpina canum:

Personam capiti detrahet illa tuo.

(Martial,III,43)

 

Schwarz gefärbte Haare können den Tod nicht hinters Licht führen

Mit deinen gefärbten Haaren, Laetinus, täuscht du einen Jüngling vor,

bist so plötzlich zum Raben geworden, wo du eben noch ein Schwan warst.

Nicht alle führst du hinters Licht: Proserpina weiß, dass du grau bist:

Sie wird dir die Maske vom Kopf ziehen.

 

Petit Gemellus nuptias Maronillae

et cupit et instat et precatur et donat.

Adeone pulchra est ? immo foedius nil est.

Quid ergo in illa petitur et placet ? tussit .

(Martial,VI,74)

 

Hustenreiz- Ihr einziger Reiz

 

Gemellus wünscht die Ehe mit Matronilla:

Er begehrt, drängt, bittet und beschenkt sie.

Ist sie so schön? Im Gegenteil, keine ist hässlicher als sie.

Was macht sie dann begehrenswert und reizvoll? Sie hustet.

 

Marion Pech

 

 

Gemellus machte sicherlich dieser gar nicht hübschen Matronilla sehr viele Komplimente, bis er sie – aus welchen Gründen auch immer - für sich gewinnen konnte.

 

Das Kompliment – die schöne Form der Lüge

 

Herkunft: Aus lat. complere (= vollmachen, ausfüllen) entstand über das spanische cumplimiento (= Fülle, Überfluss) und das französische compliment schließlich unser Kompliment, sozusagen als „Erfüllung der Schuldigkeit“.

 

Komplimente waren auch im alten Rom schon beliebt. Ovid rät in seinem Liebes-Lehrbuch, der Ars Amatoria, den Lesern ihren Angebeteten Komplimente zu machen, immer unter der Devise  „attonitum forma fac putet esse sua“ Lass sie denken, du seist von ihrer Schönheit entzückt!

 

Ist es deine Sorge, das Mädchen zu halten, mach sie glauben, du seist von ihrem Aussehen entzückt. Trägt sie Purpur, lobe Purpur-Gewänder, trägt sie koische Kleider, finde die schön. Sie ist mit Gold geschmückt? Dann soll sie dir teurer sein als Gold selbst. Hat sie einen flauschigen Stoff gewählt, dann lobe ihre Entscheidung dafür. Trägt sie nur die Tunika so rufe „Du setzt mich in Flammen!“, doch frage mit besorgter Stimme, ob sie sich wohl nicht erkältet. Hat sie ihr Haar gescheitelt, lobe den Scheitel, hat sie sich Locken machen lassen, sollen dir die Locken gefallen. Wenn sie tanzt, bewundere ihre Arme, wenn sie singt ihre Stimme, und bedauere es, wenn sie aufhört. Selbst was sie dir an Freuden bereitet, wenn du mit ihr schläfst, sollst du verherrlichen und du kannst ihr offen sagen, was dir Spaß macht.

(Ovid ars amatoria II 295 ff.)

 

 

Manche, so schreibt Lukrez, gingen mit diesen Komplimenten so weit, dass sie die Wahrheit oft selbst nicht mehr sahen.

 

nam faciunt homines plerumque cupidine caeci
et tribuunt ea quae non sunt his commoda vere.

Denn die aus lauter Liebe blinden Menschen machen das meistens so

und teilen ihren Bevorzugten Vorzüge zu, die sie gar nicht haben.

 

Die armen Teufel sehen ihre größten Übel oft gar nicht:

Die schwarze ist brünett, die schmutzige, stinkende ist nur „etwas unordentlich“,

die grauäugige heißt „Pallas“, die sehnige, dürre „Gazelle“.

Die kleine, zwergenhafte ist ganz wie eine der Grazien,

die übermäßig große ist „ehrfurchtgebietend“ und „würdevoll“.

Wenn sie stammelt und nicht sprechen kann, lispelt sie nur, die stumme ist schüchtern;

Die feuerspeiende, gehässige, geschwätzige wird zur „leuchtenden Fackel“.

Ein „zarter Liebling“ wird sie, wenn sie kaum überleben kann

vor Magerkeit, schlank die, die vom Husten fast tot ist.

Die fette und großbusige ist Ceres, die Iakchos nährt,

die stumpfnasige heißt „Silena“ und „Satyrin“, die mit einer wulstigen Lippe „Küsschen“.

(Lukrez, de rerum natura IV 1153 f ; 1160ff.)

 

 

Doch auch in der Tierwelt können Komplimente nützlich sein. Das zeigt Phädrus mit einer bekannten Fabel vom Fuchs und dem Raben.

 

 

 

Zeichnung: Ines Leitsoni Europagymnasium Klagenfurt

 

VULPES ET CORVUS

Ein Rabe stahl von einem Fenster Käse, den er verzehren wollte, als er auf einem hohen Baum saß. Das sah ein Fuchs und sprach Folgendes: „O wie glänzend ist dein Gefieder, mein Rabe! Wie schön ist dein Körper, wie schön dein Gesicht! Wenn du singen könntest, wärst du der allerbeste Vogel!“. Und der dumme Rabe, der zeigen wollte, wie er singen konnte, ließ den Käse aus dem geöffneten Schnabel fallen. Schnell holte ihn sich der schlaue Fuchs mit einem gierigen Biss. Da erst bemerkte der Rabe, dass ihn seine Dummheit getäuscht hatte.

(Phaedrus I 13)

 

 

 

Renate Glas mit der Fachdidaktikgruppe des Institutes für Klassische Philologie der Karl Franzens Universität Graz

 

Ladreiter, Gossler, Hütter, Hasenhütl, Pech                      

 

 

 

Wer Lust auf mehr Latein hat, ist im Verein

 

AMICI LINGUAE LATINAE

 

gut aufgehoben!

 

( http://www.amici-online.eu/)