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Lüge als positiver Akt?

Die Lüge ist in der Philosophiegeschichte immer wieder diskutiert und ihrer naiven Begrifflichkeit enthoben worden. Schon Platon befindet, dass die Lüge in gewissem Sinn höher einzustufen sei als die wahrheitstreue Rede: Der Lügner bedarf eines besseren Gedächtnisses, stärkerer Vorstellungskraft und gewiss einer höheren Intelligenz und Phantasie als derjenige, der nur von sich gibt, was er wahrheitsgemäß erlebt hat. Der Lügner muss seine Lügen zusammenhängend und widerspruchsfrei halten, will er nicht entdeckt werden. Oder wie Nietzsche es ausgedrückt hat: Die Wahrheit zu sagen, sei nur die Ohnmacht zu lügen. Was jedoch bringt uns dazu, zu lügen, zu flunkern, zu erfinden? Nach Nietzsche ist es unser "Wille zum Schein", wie Konrad Paul Liessmann in seinem Artikel zum Thema, "Wir Lügner" (erschienen in der Samstagbeilage der österreichischen Tageszeitung "Die Presse" vom 18. September 2004) als Beispiel bemerkte: Die Lust, die Freude, die es dem Menschen bereite, durch Lügen und Trügen seine eigene Wirklichkeit zu erschaffen, machten das von den Härten der Realität durchzogene Leben erst lebenswert. Insofern sei das Lügen notwendig für die Existenz des Menschen, ja er könne gar nicht anders, als sich der Selbsttäuschung hinzugeben, um seine Wirklichkeit ertragen zu können.

Was Platon und Nietzsche der Lüge zugute halten, ist ihre, einerseits schöpferisch-kreative, andererseits ihre wohltuende, angenehme Seite: Jene Ausdrucksform der Lüge, welche uns träumen lässt von all den großen Dingen und Taten, die wir gern besäßen und vollführten, und welche wir in eben diesen unseren Träumen wirklich besitzen und tun. Als Ausdrucksform des Möglichen und Wünschenswerten wird der Fähigkeit zu Lügen noch ein weiterer, positiver Aspekt zugesprochen: nämlich, der Kunst und Wissenschaft als Antrieb zu dienen. Erzählt der Schriftsteller in seiner Belletristik auch nicht die "Wahrheit", so berichtet er gerade dadurch mehr über uns selbst, als es die bloß nacherzählende Dichtung vermocht hätte.

 

Lüge, das Salz des Lebens?

 

Lügen ist ein essenzieller Bestandteil unserer sozialen Intelligenz, meinen Psychologen, Anthropologen und Neurobiologen. Es handle sich um eine im Umgang mit Menschen notwendige Fähigkeit. Die Lügen anderer zu erkennen und gleichzeitig die eigenen zu perfektionieren, könnte nach diesen Erkenntnissen sogar die Triebfeder für die stammesgeschichtliche Entwicklung dieser Intelligenz gewesen sein.

 

Lügen, das ist moralisch und menschlich verwerflich - so die allgemein vorherrschende Meinung. Doch in ihrer Untersuchung "Die Kunst des Lügens" legt die Philosophin Simone Dietz Einspruch ein: "In bestimmten Hinsichten dürfen Politiker lügen, denn dieser Vertrag zwischen dem Politiker und der Bevölkerung ist ja auch wieder begrenzt auf bestimmte Dinge."

 

Nur von Wahrhaftigkeit auszugehen, hält die Philosophin für dumm. Menschliches Dasein wäre ohne Lüge nicht möglich. Der kunstfertige Umgang mit Sprache stellt für sie einen hohen Wert dar. "Wenn wir gezwungen wären, wirklich immer nur das zu sagen, was wir für wahr halten und über alles wahrhaftig sofort Auskunft zu geben, dann hätte der Fragende unbegrenzte Macht über uns", sagt Dietz. Der Aufbau einer eigenen Identität wäre ohne die Schutzfunktion der Lüge gar nicht möglich. Und so wird das Lügen als Notwendigkeit des alltäglichen Umgangs erlernt. Die moralische Grenze ist dabei die Einschränkung der Freiheit des Belogenen. Und die Ironie der Geschichte: Die größte Aussicht auf Erfolg hat die Lüge nämlich in jenen Gesellschaften, welche die Wahrhaftigkeit pflegen.

Die Struktur der Lüge ist kompliziert, ihre Varianten unendlich. Nicht die Lüge ist moralisch verwerflich, sagt Dietz, sondern die Absicht dahinter.

 

 

 

Quellen Internet:

www.freenet.de/freenet/wissenschaft/ mensch/philosophie/luege/03.html

www.3sat.de/nano/news/43085/

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