top

THEATER IM STIFTSHOF

2010

Nikolaj Gogol

 

Portait von Alexander Andrjewitsch Ivanov 1847

Der erste moderne Dichter Russlands, Nikolaj Vasil'jevic Gogol wurde am 1. März 1809 als Sohn einer ukrainischen (russisch sprechenden) Gutsbesitzerfamilie kosakischer Herkunft in Sorocincy im ukrainischen Gouvernement Poltawa geboren. Nach Abschluss der Schulzeit ging er 1828 nach Sankt Petersburg, um dort eine Beamtenlaufbahn einzuschlagen, schied nach kurzer Zeit aus dem Dienst aus und wurde Lehrer an einer Anstalt für Höhere Töchter. In diese Zeit fallen die ersten literarischen Versuche; seine bereits in die Hauptstadt mitgebrachte Erzählung "Hans Küchelgarten" wurde von der Kritik verrissen. Gogol kaufte die Auflage auf und verbrannte die Bücher - nicht zum letzten Mal sollte er ein eigenes Werk vernichtet haben. Dennoch: Er erwarb sich allmählich wohlwollende Aufmerksamkeit und Unterstützung, zunächst in Literatenkreisen; durch Empfehlung Puschkins erhielt er 1834 sogar die Stelle eines Geschichtsprofessors der Universität. Zu diesem Zeitpunkt lagen schon etliche Arbeiten des Mannes vor, den man später zu Recht den ersten modernen Dichter Russlands genannt hat: Erzählungen, die unübersehbar bereits Elemente nicht nur des Fantastischen, sondern auch des Grotesken und des Horrors aufweisen; die Verschiebung des Normalen, des Alltäglichen, des Gewohnten, des vermeinten Wirklichen ins grotesk verzerrt Unnormale, Fremde, Wahnhafte, allseits Verunsichernde und Orientierungsraubende - so z. B. in den Prosawerken "Nevskij Prospekt" und "Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen" (1835) zeigt seine Verwandtschaft zu einigen Vertretern der europäischen Romantik (z. B. Bonaventura, E.T.A. Hoffmann, Jean Paul) und erweist ihn als einen lange vor deren Originalitätsgeschrei aufgetretenen Propheten der Postmoderne. In dieser Zeit schrieb Gogol seinen "Revisor". Die Publikumsreaktion nach der Premiere war außerordentlich. Gogol war über die dezidiert politische Deutung seiner Komödie entsetzt und verließ Russland. In der Folgezeit hielt er sich vor allem in Rom auf und schuf dort seinen meisterhaften Roman "Die toten Seelen". Nach und nach verfiel er in religiöse Wahnvorstellungen und vollzog und artikulierte politische Kehrtwendungen, die ihm zuletzt die verbitterte Feindschaft ehemaliger Freunde einbrachte. Immer stärker spann er sich in einen Kokon übersteigerten religiösen Wahns; kurz vor seinem Tod verbrannte er den zweiten und dritten Teil seiner "Toten Seelen" und starb infolge der durch seine Wahnideen motivierten Askese und Verweigerung jeglicher Nahrungsaufnahme bedingten Auszehrung am 21.2.1852 in Moskau. Wolfgang Grüne

 

ZURÜCK ZUM ARCHIV