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Der Hanswurststreit Mit dem Auftauchen von Stranitzky, sowie seinen Nachfolgern Prehauser, Kurz Pernardon und Weißkern als Hanswurst - Darsteller im Sinne der alten Volkskomödie bei den Stegreifspielen am Kärntnertortheater zur Zeit Maria Theresias eroberte das alte österreichische Volksspiel das berufsständischer Theater. Dabei lagen den Aufführungen keine geschriebenen Stücke zugrunde, sie kamen allein durch Improvisation der Darsteller zustande. Aufgeschrieben, oder zumindest besprochen, wurden höchstens die Szenarien, in welchen festgelegt wurde, in welchem Sinn und zu welchem Ende das Stück verlaufen sollte. Die Hauptfigur bei diesen Vorstellungen war der Hanswurst, der sich bald einer ungeheuren Popularität erfreute. Was zur Folge hatte, dass diese „lustige Figur“ allerorts bald auch in ernsten Dramen und Opern auftauchte und sich in die Handlung mischte, ob es nun zum Stück passte oder nicht. So kam es, dass von literaturbeflissener Seite ein erbitterter Kampf gegen den Hanswurst geführt wurde, der schließlich in der symbolischen Verbrennung des Hanswurst  auf der Bühne der Neuberin in Leipzig gipfelte. Die regelmäßige Schaubühne begann sich durchzusetzen. Die Literatur übernahm die beherrschende Rolle im Theater. Aber der Hanswurst erwies sich als zähllebig. Er hatte die breite Masse hinter sich und besonders die Wiener hatten ihn in ihr Herz geschlossen. So entbrannte gerade in Wien der sogenannte Hanswurststreit (1747-83) mit besonderer Heftigkeit. Im Volk war wenig Verständnis für die Einführung der regelmäßigen Schaubühne. Ein Gastspiel, das die berühmte Neuberin mit ihrer Truppe in Wien gab, hatte bei weitem nicht den Erfolg, den sie anderswo erzielte. Auf der Seite der regelmäßigen Schaubühne stand der Aufklärer Freiherr Joseph von Sonnenfels, der das Theater von den derben Stegreifpossen und Volksschauspielen reinigen wollte, was auch, vor allem durch die von ihm betriebene Einführung einer Theaterzensur, langfristig durchgesetzt wurde. Das Verbot des Extemporierens beraubte diese Bühnen ihrer eigentlichen Wesensart und Stärke. Die Hanswurstiade war eine Kunstgattung für sich und unter den Theaterdichtern fand sich niemand, der willens gewesen wäre, auf diesen Stil einzugehen und die Angehörigen der Stegreifbühnen waren nicht imstande, eine Hanswurstkomödie mit all ihren Wirkungsmöglichkeiten zu Papier zu bringen. Hier trat der junge Philipp Hafner auf den Plan. Er hatte schon früher dem ihm befreundeten Hanswurst Prehauser Epiloge verfasst, war also mit der Materie bestens vertraut und begann nun Lustspiele im lebendigen Stil des Stegreiftheaters zu verfassen. Im damaligen Pächter des Hoftheaters, dem Grafen Durazzo, fand er einen wichtigen Förderer. In der Zeit des Wiederaufbaues des abgebrannten Kärntnertor-Theaters genossen dessen Komödianten die Gastfreundschaft der Hofbühne und so kam es, dass Hafners „Megära, die fürchterliche Hexe“ am Vorläufer des heutigen Burgtheaters uraufgeführt wurde. Eine Reihe weiterer Stücke sollte folgen, begleitet von ätzenden Rezensionen Sonnenfels’. Immerhin attestierte ihm der gestrenge Theaterpurist anhand der Aufführung des „Furchtsamen“, die Hafner nicht mehr erlebt hatte, posthum „dass es ihm an der Anlage zu einer gewissen Gattung von Schauspielen nicht gefehlet; …..und wenn er mit dem Stücke, womit er abging (Der Furchtsame), auf die Schaubühne eingetreten wäre, so würde Österreich an ihm einen Plautus haben erwarten dürfen.“

Auf seine Ideen und seine dramatischen Stoffe stürzten sich jedenfalls mit Eifer die nachfolgenden Stückeschreiber. Aus fast jedem Stück lachte einem das fröhlich-witzige Gesicht Hafner’schen Humors und Hafner’scher Situationskomik entgegen. Der Schauspieler und Theaterdirektor Joachim Perinet (1763 - 1816) hat viele seiner Stücke zu Operetten umgearbeitet, mit anderen Titeln versehen und mit nachhaltigem Erfolg am Leopoldstädtertheater herausgebracht. So kam es einerseits dazu, dass die Originalstücke Hafners in Vergessenheit gerieten, andererseits in den Operettenfassungen sehr bekannt und beliebt wurden und lange Zeit weiterlebten und so im neuen Gewand abermals zur Weiterentwicklung des Österreichischen Volkstheaters beitrugen. Noch Ferdinand Raimund trat in der begehrten Komikerrolle des Hausmeisters in „Das neue Sonntagskind“ auf, zu welchem der „Furchtsame“ in Perinets Operettenverkleidung mutiert ist.

Der Hanswurst aber lebte fortan als Kasperl („Wurstl“) weiter, den der Schauspieler Johann Josef La Roche um 1770 kreierte und die als Identifikationsfigur und Sprachrohr des Publikums diente. Das Leopoldstädter Theater, in dem La Roche ab 1781 auftrat, wurde danach auch "Kasperltheater" genannt, die 34-Kreuzer-Münze für das Eintrittsgeld in dieses Theater wurde als "Kasperl" bezeichnet. Im 19. Jahrhundert wurde das Kasperltheater zur volkstümlichen Form der Puppenspiele mit der derb-witzigen, stets die Oberhand behaltenden Kasperlpuppe im Zentrum.

 

Quellen:  Johann Sonnleitner, Philipp Hafner, Komödien, Lehner Verlag Wien (2001)

               Gustav Bartelmus, Leben und Werk Philipp Hafners, Kaiser Verlag (1947)

Franz Hadamowsky, Wien, Theatergeschichte (1988)

 

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