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Zum Thema

 Launiges und Wissenswertes aus der Antike

Militantes Latein

Eine kleine lateinische Hintergrundgeschichte

 

Der lateinische Hintergrund für Militär, Miliz und militant sind die lateinischen MILITES (Soldaten). 

Der Soldat hat seinen Namen vom Sold, den er für seine Dienste erhält. Dahinter steht das lateinische SOLIDUS (fest, dick, solide). Der SOLDUS bezeichnete eine dicke Münze.

 Soldaten marschieren in ihrer Truppe bekleidet mit Mantel und Stiefeln. Die Truppe entstand über die Vermittlung des französischen troupe aus der lateinischen TURBA, der Schar oder Menge.

Marsch, Mantel und Stiefel haben einen doch eher verwunderlichen lateinischen Hintergrund. Aus dem lateinischen MARCUS (Hammer) entstand das französische marcher (stampfen, festauftreten). Der Mantel kommt vom  lateinischen MANTELUM, das  aus MANUS (Hand) und TELA (Leinwand) zusammengesetzt ist. Der Mantel ist also in seiner ursprünglichen Bedeutung ein Handtuch.

Der Stiefel kommt vom lateinischen AESTAS (Sommer), zu AESTAS gehört AESTIVALIS (sommerlich); das ging in die romanischen Sprachen und ins Deutsche über und wird im Althochdeutschen als stiful zu sommerlichen d.h. leichten Fußbekleidung.

Der Rekrut ist wörtlich ein „Nachgewachsener“ (RECRESCERE). Dieser dient als Kamerad in der Armee. Die lateinische CAMERA (Kammer) wird  zur italienischen Zimmergenossenschaft (la camerata) und so wurde die Kammer zum Kamerad. Als Zimmerkameraden verbringen sie ihre Zeit in der Kaserne, die mit der Zahl 4 zu tun hat. Als QUADERNA wurde eine Gruppe von vier Personen bezeichnet; aus der quaderna wurde die cazerna und kam dann über das Französische caserne als Kaserne ins Militärdeutsch.

 Hinter der Armee stehen die lateinischen Waffen ARMA, die wiederum auch in unseren Badezimmern, Küchen und Autos als Armaturen zu finden sind.

 Offiziere führen im Regiment eine dominante Rolle. Der Offizier muss aber ebenso wie der einfache Soldat seinen Dienst bzw. seine Pflicht (OFFICIUM) erfüllen. Das Regiment (REGIMENTUM) ist wortwörtlich die Lenkung und Leitung. Sowie der Rektor und Direktor der Lenker und Leiter sind und im ursprünglich lateinischen Sinn als REX (König) regieren (REGERE). Ganz alltäglich und unmilitärisch: das Regal ordnet unsere Bücher und anderen Habseligkeiten, hoffentlich nach einer Regel.

 Der General, der höchste Offiziersdienstgrad, ist eigentlich ein ganz Allgemeiner oder Grundlegender, der vielleicht so manches generalisiert. Der General ist ein allgemeiner Vorsteher (GENERALIS allgemein , d.h. der Vorsteher der Gesamtheit seiner Art (GENUS).

 Der niederste Unteroffiziersgrad, der  KORPORAL,  trägt den Körper (CORPUS) in sich und ist  als CORPORALIS, ein Körperlicher, der aber sicher für den Korpsgeist mitverantwortlich ist. Das Korps ist der größte Truppenverband und ein verkürzter lateinischer Körper (CORPUS).

 Pioniere sind für das Militär unverzichtbar. Als Wegbereiter und Vorkämpfer müssen sie viel zu Fuß unterwegs sein. Auch wenn nicht sofort ersichtlich, tragen sie die lateinischen Füße (PEDES) in ihrer Bezeichnung. PEDO bedeutete ursprünglich Plattfuß und erst später Fußsoldat. Aber Achtung, dass Verbum PEDO kann auch „ich furze“ bedeuten.

 Ein militärischer Dragoner ist ein Drachensoldat (DRACONARIUS), der mit dem DRACO (Drachen) kämpft. Im Mittelalter waren das Soldaten, die bei öffentlichen Prozessionen in Begleitung des Papstes das Bild des Drachens, der den Teufel bezeichnete, unter dem Kreuz auf der Lanze trugen.

Rein österreichisch kann ein Dragoner auch die Rückenspange am Rock oder Mantel sein oder ganz gemein, die Bezeichnung für eine eher stämmige und durchsetzungsfreudige Frau sein.

Bei der Okkupation (OCCUPAREbesetzen) oder in der Defensive (DEFENDEREverteidigen) ist Munition in Form von Granaten, Büchsen, Patronen, Bomben und Panzer unverzichtbar.

Die Munition ist eine lateinische Befestigung bzw. Bewachung (MUNITIO).

Der lateinische Hintergrund der Granate hingegen ist biologisch. GRANATUS bedeutet mit Körnern versehen und kommt von GRANUM (Korn). Die Granatäpfel (MALA GRANATA) hat viele Kerne in sich, sowie die Granate eine mit Pulverkörnern gefüllte Kugel ist.

Die Büchse ist ebenfalls biologisch und mit dem Buchsbaum (BUXUS) verwandt.  Eine Büchse war ein Gefäß aus Buchsbaumholz (PYXIS), die auch für die BOX verantwortlich ist.

Die Patrone ist eigentlich ein Herr (PATRONUS). Aber eben nicht ein Schutzherr, sondern eine Musterform, ein Modell.

Die Bombe ist das lateinische BOMBUS (dumpfer Klang); der Panzer wiederum kommt vom lateinischen PANTEX (Gedärm)und war zuerst nicht der Panzerwagen, sondern der Teil der Rüstung, die eben den Magen bzw. Wanst schützen sollte.

 Wenn eine Kompanie mobilisiert wird, dann sollen „miteinander Brotesser bewegt“ werden. Das lateinische Brot PANIS ist für unser Wienerschnitzel mitverantwortlich, denn  panieren bedeutet wörtlich bebröteln. In einer Kompanie gibt es viele Kumpane, also Männer die miteineinander CUM Brot PANIS essen.

Vom Kumpanen zum Kumpel ist es nicht mehr weit. Wenn Menschen miteinander essen, sind sie nicht mehr fremd im Sinne einer Bedrohung. Sie werden im Lauf des Essens zu Partnern. Der Compagnero und Compagno haben wie der Kumpel ihre Wurzel im lateinischen Wort für Brot (PANIS).

Mobilisieren und Möbel haben das lateinische MOBILIS in sich. Wer mobil ist, ist beweglich; wer Möbel verkauft, verkauft Bewegliches und wer Immobilien verkauft, verkauft Unbewegliches.

Emotionen und Motoren gehören zum gleichen Stammwort MOVERE (bewegen). Vielleicht dient das MILITANTE LATEIN als Munition (MUNITIO – Befestigung) zum  Auffrischen der Lateinkenntnisse oder als Motivation eines Neukennenlernens dieser wahrhaft allgegenwärtigen Sprache.

 

NAIVES LATEIN

Über Antisthenes, den griechischen Philosophen, der wie Diogenes zu den Kynikern gehörte, erzählt man sich folgende Geschichten:

 

Auch Schnecken verlassen nie ihr Haus

Antisthenes pflegte es zu belächeln, dass sich die Athener immer wieder rühmten, dass sie AUTOCHTONEN – das bedeutet Ureinwohner – seien; mit der Begründung, dass sie nicht von anderswoher eingewandert wären und niemals ihren heimatlichen Wohnsitz gewechselt hätten.

Antisthenes behauptete, dass sie dieses Lob mit den Schnecken und Muscheln gemeinsam verdienten. Denn auch diese Lebewesen wechseln niemals ihren Wohnsitz, in dem sie geboren werden.

Antisthenes ridere solebat Athenienses iterum atque iterum gloriantes, quod essent AUTOCHTONES - hoc est indigenae - eo, quod non aliunde eo immigravissent, nec patriam sedem mutavissent umquam.

Dixit hoc laudis illis esse cum testudinibus cochleisque commune. Nam et haec animalia numquam mutant domicilium, in quo nascuntur. (Erasmus von Rotterdam, Apophtegmata VII Antisthenes 1)

 

Esel und Politiker

 Antisthenes ermahnte einmal die Athener auch Esel in gleicher Weise wie Pferde für die Landwirtschaft zu verwenden. Als jene behaupteten, dieses Tier sei für das Pflügen ungeeignet, meinte er „Was macht das aus, wo doch in eurem Staat Leute leitende Funktionen einnehmen, die niemals Führungsqualitäten gelernt haben; aber doch genügt es, dass sie von euch gewählt wurden.

Admonuit Athenienses, ut asinos aeque atque equos deligerent ad agriculturam. Cum illi dicerent hoc animal esse alienum ab aratione, "Quid refert", inquit, "cum in vestra re publica duces sint, qui numquam didicerunt administrandi rationem, sed hoc satis est, quod a vobis delecti sunt. (Erasmus von Rotterdam, Apophtegmata VII Antisthenes 34)

 

In der folgenden Geschichte geht es um einen wortwörtlich ausgeführten Tipp:

 Wörtlich genommen

Ich hörte von einem korrupten, also käuflichen Richter. Weil eine ziemlich arme, unbedeutende Frau bei diesem ihr Recht nicht geltend machen konnte, riet ihr ein Freund: „Jener Richter ist so veranlagt, dass du nur dann dein Recht geltend machen wirst, wenn du seine Hände schmierst.“ Die Frau legte diese Worte ganz einfach und genau nach dem Wortlaut aus, trat ausgerüstet mit Schweineschmalz an den Richtertisch und begann vor allen Anwesenden die Hände des Richters mit dem Schweineschmalz einzuschmieren. Der Richter fragte „Frau, was machst du da?“ Sie antwortete: „Herr Richter, man sagte mir, dass ich von Ihnen nur dann Gerechtigkeit erlangen könnte, wenn ich eure Hände geschmiert hätte.“  Das brachte den Richter völlig aus der Fassung und so änderte er sein ursprüngliches Urteil zugunsten der Frau ab.

Audivi de quodam iudice venali, quod cum paupercula muliercula ab ipso ius suum obtinere non valeret, dixit quidam amicus mulieri, "Iudex ille talis est, quod nisi manus
eius ungantur, non obtinebis ius coram ipso." Mulier haec verba simpliciter et ad litteram intelligens, cum sagimine porcino ad consistorium iudicis accedens, cunctis videntibus manus eius ungere coepit.
Iudex dixit, "Mulier, quid facis?" Respondit, "Domine, dictum est mihi, quod, nisi manus vestras unxissem, iustitiam a vobis assequi non possem." Iudex suum confusus iudicium emendavit in melius. (Jacobi Viteiacensis exempla ex sermonibus vulgaribus XXXVIII)

 

IDIOTISCHES LATEIN

 Unser „Idiot“ kommt vom griechischen IDIOTES (ἰδιώτης). Ein Idiot im eigentlichen Sinn ist  jemand, der sich nur um seine eigenen Angelegenheiten, nicht aber um Politik und Ämter kümmert, also lateinisch ein PRIVATUS. So ein Mensch war für die alten Römer natürlich ein Eigenbrötler und Sonderling, ein Idiot.

Ein Paradebeispiel für einen „Idioten“, der im wahrsten Sinne des Wortes ein PRIVATER bleiben wollte, ist der griechische Held Odysseus, der eigentlich nicht mit in den trojanischen Krieg ziehen, sondern lieber bei seiner Frau Penelope und seinem kleinen Sohn Telemachos bleiben wollte.

Als der spartanische König Menelaos und Agamemnon nach Ithaka kamen, um Odysseus abzuholen, fanden sie diesen bei der Feldarbeit.  Er pflügte mit einem Ochs und einem Esel das Feld und warf statt Getreide grobkörniges Salz in die Ackerfurchen. Alle hielten Odysseus für einen Idioten, aber Menelaos und Agamemnon legten das Baby Telemach vor den Pflug. Odysseus machte um Telemach einen Bogen, um ihn nicht zu überfahren und wurde so enttarnt. Und  so wurde Odysseus zum berühmten Held des Trojanischen Krieges.

 

Dem braven Soldat Schwejk wurde seine Dummheit bzw. Blödheit oder Torheit amtlich bestätigt.

Im Lateinischen gibt es sehr viele Bezeichnungen für DUMM, z. B. STULTUS -  STUPIDUS – STOLIDUS -  FATUUS…

 Der bekannte Humanist Erasmus von Rotterdam schrieb im Jahr 1509 in London, auf seine Bücher wartend und auf seinen Koffern sitzend, sogar ein LOB DER TORHEIT – LAUS STULTITIAE. Das lateinisch geschriebene Werk wurde nach dem griechischen Haupttitel „Enkomion morias seu stultitiae laus“ bald allgemein „MORIA“ genannt.

Die Dummheit erscheint witzig, weise, menschlich, unveränderlich und zeitlos.

Eine kleine Kostprobe:

Die Torheit tritt auf und spricht:

„Mögen die Menschen in aller Welt von mir sagen, was sie wollen – weiß ich doch, wie übel von der Torheit auch die ärgsten Toren reden , es bleibt dabei: mir, ja mir allein und meiner Kraft haben es die Götter und Menschen zu danken, wenn sie heiter und frohgemut sind. Das beweist ihr selber schon zur Genüge; denn sowie ich vor eure große Gemeinde trat, ging augenblicklich über jedes Gesicht ein ganz ungewöhnlicher, überraschender Schein, munter schnellten die Köpfe empor, und ein so ungehemmtes helles Gelächter schallte mir entgegen…“ ( Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit 1; Übersetzung Alfred Hartmann)

 Stultitia loquitur

Utcumque de me vulgo mortales loquuntur, neque enim sum nescia, quam male audiat STULTITIA etiam apud stultissimos, tamen hanc esse, hanc, inquam, esse unam, quæ meo numine Deos atque homines exhilaro, vel illud abunde magnum est argumentum, quod simulatque in hunc coetum frequentissimum dictura prodii, sic repente omnium vultus nova quadam atque insolita hilaritate enituerunt, sic subito frontem exporrexistis , sic læto quodam et amabili applausistis risu …

 

Gegen Ende des Werkes behauptet die Torheit:

„So könnte ich mich noch lange rühmen, und meines Lobes ist sicher kein Ende. … Zunächst weiß jedermann, was zu dem ein bekanntes Sprichwort lehrt:

Fehlt die Sache, tuts auch der Schein. Daher lässt man mit Recht die Knaben schon früh den Vers lernen:

Stell dich nur dumm zur rechten Zeit,

und keiner ist wie du gescheit.“

 

Sed cum laudum mearum nullus sit modus, neque finis..Principio illud omnibus vel notissimo proverbio persuasum est:

Ubi res abest, ibi simulationem esse optimam.

Eoque recte statim traditur hic versus pueris:

Stultitiam simulare loco, sapientia summa est.

( Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit 61f.; Übersetzung Alfred Hartmann)

 

Ein Mehr (PLUS) an DUMMEN LATEIN“ ist unter  BONUS 2013 Die Streiche des Scapin

  zu finden.

  

 

Wortwörtliches Deutsch

oder doch lieber deutsches Latein 

von A bis Z?

 Sie zünden gerne am ANKUNFTSkranz Kerzen an oder doch lieber am ADVENTkranz?

(adventus: Ankunft)

Sie lutschen gerne ein GUTGUT oder doch lieber ein BONBON?

(bonus: gut)

Sie arbeiten oft am RECHNER und sichern gleich gern am COMPUTER.

(computare: zusammenrechnen)

Sie verwenden gerne ein WEGVOMGESTANK oder doch lieber ein DEODORANT?

(de: von weg; odor: Geruch, Gestank)

Sie trinken immer wieder einen AUSGEDRÜCKTEN oder doch lieber einen ESPRESSO?

(expressus: ausgedrückt)

Sie sind Mitglied eines BRECHENS oder doch lieber einer FRAKTION?

(fractio: das Brechen, Zerbrechen)

Sie arbeiten ehrenamtlich in einem SCHOSS oder doch lieber in einem GREMIUM?

(gremium: Schoß)

Sie haben  sehr viel FLÜSSIGKEIT oder doch lieber HUMOR?

(humor: Flüssigkeit, Feuchtigkeit)

Ihr Arzt verabreicht ihnen einen HINEINWURF oder doch – wenn es schon sein muss – eine INJEKTION?

(iniectio: Hineinwurf)

 Sie bewerben sich als WEISSGEKLEIDETER um ein Amt oder doch besser als KANDIDAT?

(candidatus: weißgekleideter Bewerber um ein Amt)

Sie geben ihre Proben in einer ARBEIT ab oder doch lieber im LABOR?

(labor: Arbeit, Mühe, Plage)

Sie haben ihr Ziel erreicht und sind nun DIENER der Regierung oder doch erfolgreicher als MINISTER?

(minister: Diener, Gehilfe)

Sie cremen sich gerne mit SCHNEEWEISS ein oder doch lieber mit NIVEA?

(niveus: schneeweiß)

Sie fahren umweltschonend mit FÜR ALLE oder doch lieber mit dem OMNIBUS?
(omnibus: für alle)

Als leidenschaftlicher Koch BEBRÖTELN Sie gerne Wiener Schnitzel oder fühlen sie sich doch beim PANIEREN besser?

(panis: Brot)

Sie spielen gerne ZUVIERT oder doch lieber QUARTETT?

(quartus: der vierte)

Sie essen gerne im WIEDERHERSTELLER oder doch lieber im RESTAURANT?

(restaurare: wieder herstellen)

Sie arbeiten als ABGESONDERTE oder doch lieber als Sekretärin?

(secretus: abgesondert, geheim)

Sie essen gerne GEDREHTES oder doch lieber eine TORTE?

(tortus: gedreht)

Sie verwenden gerne BRAUCHBARES oder doch lieber UTENSILIEN?

(utensilia: brauchbare Dinge)

Sie hassen DERBES und GEWÖHNLICHES oder doch eher VULGÄRES?

(vulgaris: alltäglich, niedrig)

Sie verwenden gerne ANGEFÜHRTES oder doch lieber ZITATE?

(citare: aufrufen, anführen, erwähnen)

 

  Informationen (INFORMATIO – Erläuterung) bei Renate Glas: glas.agamemnon@utanet.at

 

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