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THEATER IM STIFTSHOF

2009

REZEPTIONS- UND WIRKUNGSGESCHICHTE

Titus Feuerfuchs steht in der Tradition der ‚komischen Figur‘ des Volkstheaters, jener wienerischen, mit dem Hanswurst beginnen den Volksfiguren, ist aber gleichzeitig sozial eingebunden in die Situation der dreißiger und vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts und erfährt eine spezielle Ausprägung als Vertreter der unteren Schicht der Gesellschaft. Er verkörpert den Typ der von Nestroy selbst gespielten Raisonneure, die jede Situation zumindest rhetorisch beherrschen. Als sozial, keinesfalls aber geistig Unterlegener kompensiert er seine ‚Schäbigkeit‘ teils durch Anpassung, teils durch Witz und Schlagfertigkeit. Dennoch ist die Figur ambivalent: einerseits ist er der bemitleidenswerte Ausgestoßene, andererseits der skrupellose Karrierist, der andere Menschen seinem Aufstiegswillen opfert und damit zeigt, dass er seine Lektion gelernt hat. Greiner (1992, 5. 307) macht auf die Herr-Knecht-Dialektik aufmerksam. Als ‚Knecht‘ kennt Titus die Spielregeln der Gesellschaft und nutzt sie ohne Skrupel. Dass er sich am Ende zu wandeln scheint, hängt mit dem von der Tradition und der Gattungskonvention geforderten positiven Schluss zusammen, der aber als Ironie verstanden werden kann oder - mit Jansen (1980) - als Utopie. Beherrschende Momente der Interpretation sind im wesentlichen die soziale Thematik, das Außenseiter- und Vorurteilsmotiv, die Kritik an der Gesellschaft. Als Spiegelung sozialhistorischer Gegebenheiten wird der Talisman von E. J. May (1975) auf gefasst. Er sieht das Stück im Kommunikationszusammenhang des Vormärz und beschreibt die charakteristischen Produktions- und Rezeptionsbedingungen und die ästhetischen und gesellschaftlichen Begründungen des Vorurteils. Die satirischen, gesellschaftskritischen Momente werden von den meisten Interpreten stark betont: Nestroys Abrechnung mit einer Gesellschaft, die von Vorurteilen, Dünkelhaftigkeit, Konkurrenzkampf, Machtwille und Geldgier beherrscht wird. Titus Feuerfuchs als Hauptfigur unterscheidet sich davon nur am Anfang und am Ende; im Mittelteil ist er voll darin eingebunden und macht sich die gesellschaftlichen Mechanismen selbst zunutze. Mit der Zentralfigur als Mittler zwischen Bühne und Publikum und dem Charakter des Dargestellten als Spiel im Spiel beschäftigen sich Hein (1970, S. 109ff.) und Kurzenberger (1982), die die Wirkung der Posse aus ihrem Spielcharakter erklären. Kurzenberger unter sucht besonders den Zuschauerbezug, die Rolle des Publikums und die verschiedenen Wirklichkeitsebenen der Handlung.

 

EIN STIMMUNGSBERICHT VON DER URAUFFÜHRUNG

„Es war endloses Gelächter in dem zahlreich versammelten Publicum und der Dichter wurde gewiß mehr als  zwanzigmahl  gerufen. Der Direction ist neuerdings zu einem Cassenstück zu gratulieren, zu einem ‚Talisman’ den jeder Theaterdirector wünschen muß, leider aber selten findet. Wir fassen unser Schlußurtheil in die gewichtigen Worte zusammen:  d a ß  N e s t r o y  n o c h  k e i n  w i t z i g e r e s   S t ü c k   g e s c h r i  e b e n  h a t…  

„Der Sammler“ vom 19.12. 1840

Quelle: : Johann Nestroy, Historisch-kritische Ausgabe Stücke 17/I herausgegeben von Jürgen Hein und Peter Haida, Verlag Jugend und Volk Wien 1993

NESTROY

ENTSTEHUNG UND VORLAGE

DAS ENSEMBLE

 

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