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LATEIN IN ALLEN LEBENSLAGEN

 

zum "Bürger als Edelmann":

 

QUOD LICET IOVI,

 

 

 

NON LICET BOVI

 

 

 

Was Jupiter erlaubt ist,

das ist nicht jedem Ochsen erlaubt

 

Hinter diesem bekannten Sprichwort verbirgt sich die Geschichte von der Entführung Europas. Jupiter, der stets hinter attraktiven Frauen her war, hatte sich in einen schönen Stier verwandelt, um sich der bezaubernden Europa zu nähern.

Nicht jedem hätte man eine solche Tat verziehen! Doch es zeigt sich auch noch heute, dass man Leuten von höherem sozialen Rang Fehltritte eher verzeiht als unbedeutenden und unauffälligen Personen.

Kein Wunder also, dass viele versuchen, im besseren Licht dazustehen:

 

Doch so mancher ist dabei schon auf die Nase gefallen...

 


 

Phädrus, ein ehemaliger römischer Sklave und Dichter aus dem 1. Jahrhundert nach Christus,

erzählt uns folgende Geschichte, die er vom griechischen Fabeldichter Äsop übernommen hat:

 

„Von eitlem Stolz geblendet, hebt eine Krähe

die Federn auf, die einem Pfau entfallen waren,

und schmückte sich mit ihnen. Ihresgleichen höhnend,

vermischte sie sich mit der stolzen Schar der Pfaue.

Doch diese reißen ihr die Federn wieder aus

und jagen sie zurück. So übel zugerichtet

geht sie mit traur’ger Mine zurück zu ihresgleichen.

Doch auch von diesen musste sie Beschimpfung dulden,

und eine von denselben, die vorher geschmäht,

rief aus: „Wenn du mit uns dich hättest begnügen,

nicht hättest nach Höherem gestrebt, als dir beschieden,

so würdest du nicht diese Schmach erfahren haben.“

 

 

 

Und die Moral von der Geschicht’: „Schmück’ dich mit fremden Federn nicht!“

 

Jene Erkenntnis verpackt der Dichter bereits in den ersten drei Versen dieser Fabel:

« Ne gloriari libeat alienis bonis

suoque potius habitu vitam degere, 

Aesopus nobis hoc exemplum prodidit: » 

„Damit man nicht versucht ist, mit fremdem Gut zu prahlen

und eher ein Leben nach eigenen Möglichkeiten zu führen,

 gab Äsop uns dieses Exempel.“

 


 

„Wenn ein Armer einen Mächtigen nachahmen will, geht er zugrunde.“

 

Inops, potentem dum vult imitari, perit.”

 

 Diese Moral ist der Beginn einer weiteren Geschichte, deren Hauptdarsteller – ein „aufgeblasener“ Frosch – ein noch viel schlimmeres Ende erleidet:

 

 

„Auf einer Weide sah ein Frosch einst einen Ochsen,   

und, neidisch auf die königliche Größe des Tieres,

bläht er die Haut. Darauf fragt er selbstbewusst die Kinder,

ob er den Ochsen nicht an Größe überrage.

Doch jene sagen: „Nein!“ Er müht sich wieder ab,

die Haut zu dehnen, und fragt noch einmal,

wer größer wäre. Jene sagten ihm das Rind.

Als er zuletzt in vollem Zorne versuchte,

sich noch mehr zu blähen, stürzte er mit zerplatztem Körper tot darnieder.“


Aus dem aufgeblasenen Frosch wurde ein rana rupta, ein zerborstener Frosch...

 


 

Noch härter geht Martial, ein Meister des pointierten Epigramms,  mit seinen Zeitgenossen

(und wohl auch mit allen Menschen) ins Gericht und streut mit Genuss noch Salz in gesellschaftliche Wunden.

 

In dem Band Martial für Zeitgenossen rückte Fritz Grasshoff

die mehr als treffenden Epigramme ins Deutsche:

 

Eine kleine Kostprobe gefällig? Bitte sehr...

 

„Hic quem videtis, gressibus vagis lentum,

amethystinatus media qui secat Saepta,

quem non lacernis Publius meus vincit,

non ipse Cordus alpha paenulatorum,

quem grex togatus sequitur et capillatus

recensque sella linteisque lorisque,

pigneravit modo modo ad Cladi mensam

vix octo nummis anulum, unde cenaret.”

 

 

GRAF KOKS

 „Der, der da eben gravitätisch,

geschniegelt und bepelzt,

wie man dergleichen nur

aus Magazinen kennt,

nachdem er seinem Wagen –

Sonderklasse –

entstiegen ist,

umschwärmt von Lackeln

(eine Masse),

die Avenue herunterstelzt,

ist, hört die alte Leier:

ein Pleitegeier,

ein abgebrannter Hintermann,

der seinen Arsch verkaufen musste,

damit er sich

ein Würstchen leisten kann.“

 

 

„Illusionen platzen wie Seifenblasen“ – das ist wohl die Kernaussage zu diesem Thema, mit dem sich die Literaten heute wie damals (und auch morgen?) beschäftigen in der Hoffnung, dass Menschen sich mit ihren Fehlern mehr auseinandersetzen und etwas daraus lernen:

 

Denn Wissen schützt vor Torheit – oder nicht!?

 


 

Renate Glas, Bernadette Haidacher, Peter Leitner und die Fachdidaktikgruppe des Institutes für Klassische Philologie der Universität Graz im Sommersemester 2003

 

 

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