top

 

Latein in allen Lebenslagen

Zum Thema - Launiges und Wissenswertes aus der Antike

 

 

DIE REISE DES HERRN PERRICHON – „LATEIN AUF REISEN“

 

Zeitlos ist der Typus des Menschen, der als eitler Aufschneider seine eigenen Taten über die Maßen hervorhebt, der sich übermäßig freut und sich geschmeichelt fühlt, wenn eben diese „wirklichen“ Heldendaten Anklang finden.

In dieser überheblichen Eitelkeit geht die Tatsache aber meistens unter, dass eben diese Schmeichler selten uneigennützig handeln, sondern aus diesem übertriebenen Lob ihren Vorteil ziehen wollen.

 

Der „erste Held“ der Weltliteratur ist vom römischen Komödiendichter Plautus (3.Jh.v-Chr.) vorgestellt worden, der MILES GLORIOSUS, der „glorreiche oder prahlerische Soldat“.

Die Hauptfigur, der Kriegs- und Frauenheld, der durch einen Sklaven entlarvt wird,  trägt den sprechenden Namen PYRGOPOLNICES (Turmstreiter). Dieser „Zungenheld“ wird vom Schmarotzer ARTOTROGUS (Brotnager) hofiert.

 

 

Eine kleine Kostprobe gefällig? Artotrogus redet dem Prahlhans „nach dem Maul“:

 

Artotrogus:.Edepol vel elephanto in India

quo pacto ei pugno praefregisti bracchium.

Wahrhaftig wie du dann in Indien einem Elefanten mit der Faust den Arm zerbrachst.

 

Pyrgopolinices: Quid, bracchium? Was, Arm?

 

Artotrogus:  Illud dicere volui, femur. Ich wollte sagen Oberschenkel

 

Pyrgopolinices At indiligenter iceram. Aber ich hatte ja nur ganz nachlässig zugeschlagen.

 

Artotrogus:  Pol si quidem  conixus esses, per corium, per viscera perque os elephanti transmineret bracchium.

Freilich, wenn du mit all deiner Kraft ausgeholt hättest, hättest deinen Arm durch die Haut, durch den Bauch und durch den Rüssel des Elefanten gebohrt.

 

So wie sich der Typus des Pyrgopolinices im Herrn Perrichon und der schmeichelnde, Vorteil erhoffende Artotrogus im Daniel Savary wieder findet, finden sich auch viele lateinische Worte dieses kleinen Dialoges in unserem Wortschatz wieder.

 

Begeben Sie sich mit „der „REISE DES HERRN PERRICHON“ auch auf eine „lateinische Reise“ und erfreuen Sie sich an Ihren Lateinkenntnissen!

 

Artotrogus:.Edepol vel elephanto in India

quo pacto ei pugno praefregisti bracchium.

Artotrogus:  Illud dicere volui, femur.

 

Der ELEFANT (elephanto) und der PAKT (pacto) sind leicht zu durchschauen; die BRACCHIALgewalt, ist die Gewalt, die mit den Armen (bracchium) ausgeübt wird .Auch unser Wort BREZEL stammt sprachgeschichtlich von bracchium. Eine Brezel erinnert durch ihre Form an verschränkte Arme. Das nicht immer heiß geliebte DIKTAT hat seinen Ursprung im dicere (sagen), heißt es doch bei den Kleinen in der Volksschule auch "Ansage“. Ja und das volui  ist unser WOLLEN.

 

Das Motiv des jungen Daniel dem Ego des Herrn Perrichon zu schmeicheln, ist die Aussicht die Hand Henriettes, der Tochter des Herrn Perrichon, zu bekommen.

 

Das lateinische EGO ist das deutsche ICH und das EGO hat sich im Egoismus und Egoist, aber auch im Egotrip und in der Egozentrik verewigt.

 

Hinter dem Wort MOTIV steht das lateinische MOVERE (bewegen), das in seiner Sprachreise ganz viele Nachkommen hinterlassen hat, denken Sie nur an Motivation, Motor, Motorik, Movie, Mob, Meute, etc.

 

Eine kleine WORTGESCHICHTE gefällig?

 

Was haben die MÖBEL mit dem AUTO zu tun?

 

Auf den ersten Blick nichts, aber unser Wort AUTO ist eine Abkürzung von AUTOMOBIL. MÖBEL und MOBIL das klingt schon ganz ähnlich.

Hinter beiden steckt das lateinische Wort MOBILIS (beweglich).

MÖBEL lassen sich meistens ganz leicht bewegen, wenn man kräftig genug ist, ganz im Gegensatz zu den IMMOBILIEN, die lassen sich momentan ganz schwer bewegen, sprich vermieten oder verkaufen.

Aber zurück zum AUTO. Das ist eigentlich ein Zwitter, weil der erste Teil AUTO kommt aus dem Griechischen. AUTOS heißt “von selbst”. Der zweite Teil MOBIL kommt aus dem Lateinischen und bedeutet “beweglich”. Solche Wörter nennt man Zwitterwörter und daher ist das Auto etwas, das sich von selbst bewegt.

 

 

MARTIALISCHE SCHMEICHELEIEN

Ein wahrer Meister seines Faches war der römische Dichter Martial. Seine bissigen, treffenden, witzigen, einfallsreichen Epigramme beleuchten das Alltagsleben Roms im ersten Jahrhundert n. Chr.

So nimmt er auch die übertriebenen Schmeicheleien eines Mannes namens Menogenes aufs Korn, der unbedingt zu einem Essen eingeladen werden will.

Genießen Sie das schmeichlerische Original oder die den Wortwitz leider nicht immer treffen könnende deutsche Übersetzung:

 

Effugere in thermis et circa balnea non est

     Menogenen, omni tu licet arte velis.

Captabit tepidum dextra laevaque trigonem,

     Inputet acceptas ut tibi saepe pilas.

Colliget et referet laxum de pulvere follem,              5

     Et si iam lotus, iam soleatus erit.

Lintea si sumes, nive candidiora loquetur,

     Sint licet infantis sordidiora sinu.

Exiguos secto comentem dente capillos

     Dicet Achilleas disposuisse comas.              10

Fumosae feret ipse propin de faece lagonae,

     Frontis et umorem colliget usque tuae.

Omnia laudabit, mirabitur omnia, donec

     Perpessus dicas taedia mille 'Veni!'

Martial XII 82

 

Dem Menogenes in den Thermen und in der Umgebung der Bäder zu entkommen, ist nicht möglich, magst du es auch mit jedem Trick versuchen.

 

Er wird mit der rechten und der linken Hand nach dem noch warmen Dreiball greifen, damit er die aufgefangenen Bälle oft zu deinen Gunsten zählen kann.

 

Den in den Staub gefallenen schlaffen Lederball wird er aufheben und zu dir zurückbringen, auch wenn er schon gebadet hat und schon seine Sandalen trägt,

 

Wenn du die Badetücher nimmst, wird er sie weißer als Schnee nennen,

auch wenn sie schmutziger sind als eine Kinderlatz.

 

Wenn du mit einem gespaltenen Zahn deine spärlichen Haare kämmst,

wird er sagen, du  habest die Locken des Achill geordnet.

 

Selbst mit dem starken Bodensatz aus einem rauchigen Krug wird er dir noch zuprosten,

und er wird dir ständig den Schweiß von der Stirn wischen.

 

Alles wird er loben, alles wird er bewundern, solange bist du,

nachdem du tausend Belästigungen ertragen hast, endlich sagst: KOMM!

 

ICH BIN SO KLUG UND ALLE SIND MEINER MEINUNG…

 

Qui blanditur, mentitur.

Wer schmeichelt, lügt, sagt der Lateiner.

 

Petronius, der Verfasser des Romans Satyricon, schildert mit fast modernem Humor ein Festessen im Haus eines Neureichen, die sogenannte cena Trimalchionis. Er gibt uns Aufschluss über die Speisenfolge bei den Gastmählern der Reichen, über ihre Gewohnheiten beim festlichen Tafeln, kurzum über die gesamte Tischkultur der eleganten Gesellschaft zu Neros Zeiten. Die Hauptperson Trimalchio, ein zu immensen Reichtum gelangter, ungebildeter ehemaliger Sklave, protzt vor seinen Gästen mit seiner „Bildung“.

Alle Gäste dieses opulenten Festmahles jedoch loben die Aussagen des Gastgebers über alle Maßen (haec aliaque cum effussisimis prosequeremur laudationibus).

 

Trimalchio bringt in seiner „Halbbildung“ so ziemlich einiges durcheinander.

Er beschreibt eine Silberschale, auf der zu sehen ist, wie Kassandra ihre Söhne ersticht, und die Jungen liegen im Tod so da, als wären sie lebendig (…quemadomodum Cassandra occidit filios suos).

Trimalchio verwechselt also Medea, die Kindesmörderin, mit Kassandra, der trojanischen Priesterin, die die Zukunft vorhersehen kann, der aber niemand glaubt.

 

Weiter geht es mit der Beschreibung einer Henkelschale, wo Dädalus Niobe ins trojanische Pferd einsperrt.Daedalus Niobam in equum Troianum includit. Petr. sat. 52)

 

Dädalus, der hervorragende Erfinder der Antike, der erste “Flieger” der Geschichte, erbaute für das Ungeheuer Minotauros auf Kreta das Labyrinth. Niobe wiederum war eine überaus schöne und sehr arrogante Königin und Mutter von vierzehn Kindern, die die Göttin Latona schmähte, die nur zwei Kinder, Apollo und Diana hatte. Die göttliche Rache war fürchterlich, alle vierzehn Kinder wurden von Apollo und Diana umgebracht.

Das trojanische Pferd wiederum war eine List des griechischen Helden Odysseus, der in diesem hölzernen Pferd unerkannt die griechischen Soldaten in die Stadt Troja bringen konnte und so den Untergang Trojas einleitete.

 

Vergleichbar wären diese Verwechslungen heutzutage, wenn man Angela Merkel zur Präsidentin von Frankreich machte, Hänsel und Gretel zu den sieben Zwergen schickte oder Google für eine Hühnerrasse hielte.

 

Hinreißend ist auch folgender Dialog, der von Verwechslungen lebt:

 

Heinz Erhart: Leda und der Schwan

Ein mytho-unlogisches Gespräch

 

 

A. Ich habe bei mir zu Hause ein Aktfoto hängen. Es heißt "Die Ledige mit dem Schwein".     

     Kennen Sie das?

B. Sie meinen sicher "Die Leda mit dem Schwan"?

A. Ach ja, richtig! Ein Schwan kommt auch darauf vor! Und wer ist diese "Leda"?

B. Leda war die Mutter der "schönen Helena".

A. Wieso"war"? Ist sie tot?

B. Aber natürlich!

A. Erzählen Sie mir doch mal was von der Familie!

B. Also das war so: Eines Tages schiffte sich Menelaus, der Gatte der Helena, nach Kreta ein.

A. Und Helena blieb zu Hause?

B. Ja, in ihrem Schlafgemach. In der Mitte stand ein großes Ruhebett und links der

     Armleuchter.

A. Ich denke, Menelaus war weg?

B. Nein, ein wirklicher Armleuchter stand da. - Und plötzlich wurde ihr Paris gemeldet!

A. Ach, der mit dem Apfel?

B. Bravo, woher wissen Sie denn das?

A. Na, Paris war doch der, der auf dem Berge Aida der Schönsten mit der Armbrust einen

     Apfel vom Kopf schoss!

B. Das verwechseln Sie leider mit Wilhelm Tell - aber immerhin! Außerdem hieß der Berg

     Ida! - Na schön! Paris beschloss, Helena mit List zu erobern.

A. Ach, Klavierspielen konnte er auch?

B. Das weiß ich nicht! Jedenfalls aber nahm er sie mit nach Troja.

A. Ach so ja.

B. Und wissen Sie wodurch Troja berühmt geworden ist?

A. Durch die Trojabohnen!

B. Sie meinen Sojabohnen?! - Nein, durch den Trojanischen Krieg! Die einstmals so stolze Stadt wurde völlig zerstört - und heute ist die Fläche, auf der sie stand, eben!

A. Eben!

 

 

Zum Schluss noch etwas „laufendes Latein“. In der  „Reise des Herrn Perrichot“ konkurrieren zwei junge Männer um die schöne Henriette, sie sind also Konkurrenten. Alle kennen das Wort Konkurrenz und alle gebrauchen es.

Die Konkurrenz kommt vom lateinischen concurro und heißt so viel wie „ich laufe mit“ oder „ich laufe zusammen“. Im Laufe der Zeit bekam das Wort aber eine eher negative Bedeutung. Eigentlich betont das lateinische Wort con-currere das „Zusammen“ oder „Miteinander“. Als Konkurrenten betrachtet man heutzutage aber seinen Gegner, gegen den man im Wettbewerb „kämpft“ und den man besiegen will. Von „zusammen“ etwas schaffen kann hier wohl nicht mehr die Rede sein.

 

Viel Freude oder multum gaudium!

Renate Glas, Lateinerin mit Lust und Leidenschaft

 

Europagymnasium Klagenfurt – Institut für Klassische Philologie der Universität Graz – AMICI LINGUAE LATINAE 

 

 

Eine lateinische Laufbahn

 

ZURÜCK ZUM ARCHIV