top

THEATER IM STIFTSHOF

2012

Eugène Marin Labiche — ausgewählte biografische Daten

Félix Nadar 1820-1910 portraits - Eugène Labiche

Eugène Marin Labiche wird am 6. Mai 1815, während Napoléon Bonapartes Regierung der 100 Tage, in Paris geboren. Sein Vater, ehemals Notar auf dem Lande, der später sein Glück in Paris versuchte, besitzt zuerst eine Gemischtwarenhandlung und danach eine Glukosefabrik in Rueil. Die Familie lebt vorerst in Paris. Erst später, als Labiches Vater ein Haus in der Nähe des Schlosses Malmaison kauft, ziehen die Labiche aufs Land.

Eugène bleibt ein Einzelkind. Seine Eltern schicken ihn aufs «Collège Bourbon», das spätere «Lycée Condorcet». Labiche wird als relativ desinteressierter Schüler mit ausgezeichnetem Gedächtnis beschrieben, der eine gehörige Aversion für lateinische Verse an den Tag legt. Schon in früher Jugend mokiert er sich über alles und jeden, aber immer aus einer geschützten Stellung heraus, ohne je sich selbst oder seine Familie zu kompromittieren.

Als er achtzehn Jahre alt ist, stirbt seine Mutter. Nach seinem Schulabschluss im Jahr 1834 unternimmt er mit Freunden eine mehrmonatige Reise nach Italien und in die Schweiz, den damaligen touristischen Hauptdestinationen. Mit wenig Freude studiert er später auf Anraten seines Vaters Rechtswissenschaften und schafft nach zwölf Semestern den Abschluss als „Lizentiat“. In seiner Freizeit treibt er gerne Sport. Turnen, Fechten und Schwimmen zählen zu seinen bevorzugten Betätigungen. Einmal rettet er einem Freund, der in der Nähe des Pont d‘Asnières beim Schwimmen einen Krampf bekommt und zu ertrinken droht, das Leben.

Eugène Labiche verdient sich seine ersten literarischen Sporen als Journalist bei kleinen, auflagenschwachen Zeitschriften […] 1836 versucht Labiche sich an einem Roman, La Clef des Champs, den er selbst für nicht besonders gelungen hält, […]1837 schreibt er gemeinsam mit seinen beiden Freunden und Kollegen Lefranc und Marc-Michel, mit denen er einen zehnjährigen Co-Autorenvertrag abgeschlossen hat, der besagte, dass keiner etwas allein herausbringen dürfte, sein erstes Stück M. de Coyllin ou l‘homme infiniment poli, das ein sehr mäßiger Erfolg am Palais-Royal wird. Dennoch bedeutet es den Beginn einer vierzigjährigen Vaudeville-Karriere im Dienste der bürgerlichen Unterhaltung des 19. Jahrhunderts. Ein Jahr später meldet sich Labiche mit einem allein geschriebenen Stück beim Direktor des Palais-Royal, der ihn für einen dilettierenden Millionär und den am wenigsten talentierten der drei Freunde hält, der es nur auf die Schauspielerinnen beim Theater abgesehen hat. Obwohl er zuerst zögert, das Stück anzunehmen, wird er eines Besseren belehrt. Un jeune homme pressé wird zu einer der größten Attraktion des Palais-Royal.

Ende der 30er Jahre verliebt sich Eugène Labiche in Louisa, ein junges Mädchen vom Theater. Die beiden scheinen unzertrennlich. Allerdings gibt Louisa Eugènes Geld in vollen Zügen aus und nimmt es mit der Treue nicht so genau. Labiche wird schließlich misstrauisch und engagiert einen Detektiv, der die schöne Louisa einen Monat lang beschattet und die Vorkommnisse jedes einzelnen Tages minutiös auflistet. Labiche konfrontiert seine Geliebte mit den Ergebnissen und macht Louisa dadurch zum Gespött der gesamten Theaterszene, woraufhin sie sich in die Provinz zurückzieht.

Ganz nach dem Vorbild der bürgerlichen Gesellschaft seiner Zeit heiratet Labiche schließlich 1842 die achtzehnjährige Marie-Adélaïde Hubert, genannt Adèle, die Tochter eines reichen Mühlenbesitzers. Die Hochzeitsreise führt die beiden jungen Leute für zwei Monate in die Schweiz und nach Italien. Da der Beruf des Stückeschreibers seinem zukünftigen Schwiegervater äußerst suspekt ist, findet sich im Ehevertrag ein Passus, der Labiche zwingen sollte, die Theaterarbeit aufzugeben. Das gegebene Versprechen hält kaum ein Jahr, denn nachdem auch Adèle einsieht, wie wichtig ihm das Schreiben ist, greift Labiche wieder zur Feder.

Bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr zeigt sich der Autor nicht allzu selbstbewusst und schreibt seine Stücke unter dem Pseudonym Paul Dandré. Der Grund liegt vielleicht darin, dass Stücke wie L‘Homme de Paille, Le Major Cravachon oder Deux Papas tres bien ou la grammaire de Chicard keine besonders großen Theatererfolge wurden. Seine Karikaturen der bürgerlichen Gesellschaft kommen für diese genauso zu früh wie die gewaltigen politischen Satiren einige Jahre später. Das Stück Le Club Champenois aus dem Jahre 1848 hinterlässt aus diesem Grunde ein eher verärgertes Publikum.

Die durch das «2eEmpire» neu eingeführten Feiertage verlangen nach zusätzlicher Unterhaltung, was Labiche zugutekommt, denn viele der Stücke, die er in den Fünfziger- und Sechzigerjahren schreibt, werden Bühnenhits. Allein 1851 verfasst er fünf Einakter und landet den großen Erfolg Un chapeau de paille d‘Italie ("Der Florentinerhut" Sommerspiele 2008), ein Stück, das über dreihundert Mal gespielt wird. Mit der Aufführung dieses Stückes ist eine makabre Anekdote verbunden. Ein Premierengast lacht derart, dass er einen Herzanfall erleidet und stirbt. Er hat sich im wahrsten Sinn des Wortes tot gelacht.

Nach dem Revolutionsjahr 1848, in dem Labiche zehn Stücke zur Aufführung bringt, von denen Le Club Champenois oder A bas la famille ou les banquets als äußerst regimekritisch einzustufen sind, wird 1852 sein produktivstes Jahr mit insgesamt elf Stücken. Darunter finden sich so große Erfolge wie Maman Sabouleux, Le Misanthrope et l‘Auvergnat oder Edgard et sa bonne.

Für eine Tagung in Brüssel zum Thema Comment on fait une piece de theatre (wie man ein Theaterstück macht) legt Labiche seine Methode dar:

Quant à moi, voici comment je procède: Quand je n‘ai pas d’idée me ronge les ongles et j‘invoque la Providence. Quand j’ai une idée, j‘invoque encore la Providence, mais avec moins de fervour, parce que je crois pouvoir me passer delle. C‘est très humain, mais très ingrat. J‘ai donc une idée ou je pense en avoir une. Je prends une main de papier blanc, du papier de fil - je ne trouve pas mes idées sur un autre - et j‘écris sur la première page: PLAN. Alors commencent les difficultés. J‘entends par plan la succession developpée, scène par scène, de toute la pièce depuis son commencement jusqu‘à la fin. Or, tant qu‘on na pas la fin de sa pièce, on n’en a ni le commencement ni le milieu. Ce travail est évidemment le plus laborieux; c‘est la création, l‘accouchement. Une fois mon plan fini, je le reprends et je demande a chaque scène à quoi elle sert, si elle sépare ou développe un caractère, une situation, enfin si elle fait marcher l‘action. Une pièce est une bête a mille pattes qui doit toujours être en route. Si elle ralentit, le public bâille; si elle arrète il siffle.

Ich, für meinen Teil, gehe so vor: Wenn ich keine Idee habe, kaue ich an meinen Nägeln und rufe die Vorsehung um Eingebung an. Wenn ich eine Idee habe, mache ich es ebenso, jedoch weit weniger innig, weil ich dann glaube ohne sie auskommen zu können. Das ist sehr menschlich, aber sehr undankbar. Ich habe also einen Einfall, oder meine, einen zu haben. Ich nehme ein weißes Blatt Papier, Kartonpapier, auf einem anderen habe ich keine Inspiration, und schreibe auf die erste Seite: ENTWURF. Und dann beginnen die Schwierigkeiten. Ich behandle im Entwurf den Ablauf des ganzen Stückes Szene für Szene von Anfang bis Ende. Solange man allerdings den Schluss seines Stückes nicht gefunden hat, bringt einem weder Anfang noch Mittelteil etwas. Diese Arbeit ist klarerweise die mühsamste, die Schöpfung, die Entbindung. Ist mein Entwurf fertig, gehe ich ihn durch und hinterfrage jede Szene nach ihrem Zweck, ob sie einen Charakter, eine Situation entgleiten lässt oder weiter entwickelt, ob sie schlussendlich die Handlung weitertreibt. Ein Stück ist ein Tier mit tausend Füßen, das immer in Bewegung gehalten werden muss. Wird es langsamer, gähnt das Publikum, bleibt es stehen, pfeift es. (Übersetzung J. Schlaminger)

1848 wird Labiche zur Nationalgarde eingezogen, die versuchen soll, das Regime Louis Philippes zu retten, der sich vor allem gegen eine Reform des Wahlrechts stellt. Nach der Abdankung des Bürgerkönigs erhält Labiches Hauptmann den Befehl, in der Kaserne der «Nouvelle-France» die Soldaten zu entwaffnen. Er fühlt sich dieser Aufgabe nicht gewachsen und ersucht Labiche um Beistand. Da nicht ganz klar ist, ob sich die Soldaten ergeben oder wehren würden, ergreift der Hauptmann vorsichtshalber die Flucht. Labiche bleibt und übernimmt die abgegebenen Waffen.

1853 erwirbt Labiche in Sologne, im Departement Loir-et-Cher, das Schloss von Launoy mit einem landwirtschaftlichen Gutsbesitz. Er wird zum «Gentleman-Farmer» und beschäftigt sich vor allem in späteren Jahren intensiv mit der Landwirtschaft. Einen Teil des Jahres hält er sich von nun an in Sologne auf, einen anderen in Paris. Im März 1856 wird Labiche Vater eines Sohnes, der sein einziger bleiben soll, denn ungefähr zwei Jahre später erleidet seine Frau eine Totgeburt. […]

Ab dem 45. Lebensjahr feiert Labiche seine größten Bühnenerfolge. Er schreibt Le Voyage de Monsieur Perrichon Die Reise des Herrn Perrichon (1860), La Cagnotte oder Moi (beide 1864). Trotzdem widmet er der Landwirtschaft mehr und mehr Zeit. Sie erscheint ihm als einzig nützliches Betätigungsfeld und veranlasst ihn, sich mehr und mehr vom Theater zurückzuziehen, was seinem Zeitgenossen Theophil Zolling, in seinem Artikel über Labiche erwähnenswert scheint.

Fühlt dieser Dichter und Bauer in einer Person sich doch am behaglichsten als obskurer Landwirt, dessen Lieblingsgedanke derjenige an seine neun hundert Hektaren Land und seine Schafzucht ist, und der sich gerne rühmt, nichts weiter zu sein, als ein sachverständiger Hammelkeulen Fabrikant, «un fabricant de gigot, voilà tout!« Nicht Paris, wo er die Wintermonate verbringt und seine im Sommer geschaffenen Stücke aufführen läßt, ist seine wahre Heimat; er lebt erst ganz und voll auf, wenn er dem modernen Babel entfliehen und zu seinen besagten Hammeln zurückkehren kann. Dort aber läßt er nicht nur arbeiten, er greift selber herzhaft zu. […] und besucht man ihn in seinem Pariser Absteigequartier in der Rue Caumartin, so schreibt er gewiß eben an seinen Verwalter. Sein Herz ist im Hochland; er treibt Landwirtschaft - durch die Post.

Vor allem hegt er die Absicht, nicht mehr für das Palais-Royal zu arbeiten, sondern mehr ernsthafte Stücke zu schreiben – und davon nur ein bis zwei pro Jahr. In Labiches Biografie finden sich nur wenige Jahre, in denen er nicht für das Theater arbeitet. Eines davon ist 1841, ein Jahr, in dem er mit seinem Freund Lefranc eine Reise nach Holland unternimmt. Zwei weitere, 1879 und 1880 liegen knapp vor seinem vollständigen Rückzug vom Theater.

Eugène Labiche hegt neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch politische Ambitionen. Bei seinem ersten Versuch, 1848 für das Departement Seine-et Oise in die Nationalversammlung gewählt zu werden, fällt er durch. 1868 startet er im zweiten Anlauf als Quereinsteiger eine politische Karriere. Er wird nach dem Tod seines Vorgängers zum neuen Bürgermeister von Sologne gewählt und das, obwohl er nach eigenen Angaben keine Ahnung von der Amtsführung, der Gemeindeordnung und vor allem nicht von Budgetierung hat. […] Einmal im Amt, nimmt Labiche seine Aufgabe sehr ernst. Er ist seiner Gemeinde vor allem während der Kriegswirren der Jahre 1870 – 1871 eine große Stütze, obwohl er selbst ebenfalls nicht von den Unbillen des Krieges verschont bleibt. Sein Haus in Rueil wird völlig geplündert. Nach Kriegsende erspart er seiner Gemeinde durch eine rechtliche Finesse hohe Reparationszahlungen. Er vertritt den Fall seiner Gemeinde selbst vor Gericht und gewinnt ihn. Schon 1875 hegt Labiche den Gedanken, sich vom Schreiben zurückzuziehen, aber es dauert noch einige Jahre, ehe er seine Absicht wahr macht. 1877 gibt er auch sein Bürgermeisteramt auf.

In den 70er Jahren werden einige seiner früheren Stücke, wie z.B. Le Voyage de Monsieur Perrichon (die Reise des Herrn Perrichon), das an die 200 Wiederholungen in Folge verzeichnen kann, wieder aufgenommen. Labiche verdient mit den Stücken ausgezeichnet und hat zudem exzellente Kritiken. Le Voyage de Monsieur Perrichon erlebt später, zwischen 1879 und Anfang 1880, mit 155 Aufführungen eine weitere triumphale Wiederaufnahme. Aber nicht nur dieses Stück, sondern auch La Grammaire und La Cagnotte werden als Meisterwerke gefeiert. In dieser Zeit werden seine Oeuvres complètes veröffentlicht, die allerdings nur knapp ein Drittel seines Gesamtwerkes umfassen. Nur 57 Komödien ließ der Autor darin aufnehmen.

Schließlich, im Jahr 1880, wird Labiche die große Ehre zuteil, in die Académie Française aufgenommen zu werden, was nicht ganz ohne Kritik vonstattengeht.  Man beanstandet seine Co-Autorenschaft und seinen sprachlichen Stil.

Die letzten Jahre seines Lebens verbringt er zumeist in Sologne, wo er sich seiner Familie und der Landwirtschaft widmet. Labiche stirbt 72-jährig am 22. Jänner 1888, aber noch am Sterbebett zeigt er sich als vielzitierter Humorist. Sein Sohn, der seine Frau viel zu früh verloren hat, bittet ihn, ihr folgende Botschaft zu übermitteln: «Papa, puisque tu vas revoir Madeleine, dis-lui que je l‘aime toujours.» Papa, wenn du Madeleine wiedersiehst, sag ihr, dass ich sie noch immer liebe. Der sterbende Labiche soll daraufhin gesagt haben: «Tu ne pourrais pas faire tes commissions toi-meme?» Könntest du deine Besorgungen nicht selber erledigen?

 

mit freundlicher Genehmigung der Autorin entnommen aus

Implizite Sozialkritik in den Komödien von Labiche

Der Bürger in Stresssituationen

von Theresa Volpe-Pühringer

Erschienen im

Verlag Königshausen & Neumann