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2008

D e r  F l o r e n t i n e r h u t

 "Mein Leben war zu glücklich, als dass meine Biographie interessant sein könnte"

Mit pointierter Schlagfertigkeit zeichnet der französische Komödiengroßmeister des neunzehnten Jahrhunderts ein genüssliches Abbild der bürgerlichen Gesellschaft seiner Zeit.

Labiches Komödien gehören längst zum Repertoire der Boulevard- und Volkstheater, auch im deutschsprachigen Raum. Der Fabrikantensohn studierte Rechtswissenschaft und war eine Zeitlang Landbürgermeister. 175 Komödien, Vaudevilles und Possen, die er zum großen Teil im Verein mit zwei weiteren Kollegen (Marc-Michel, Auguste Lefranc) in einer 1838 gegründeten Autorengemeinschaft (société dramatique Paul Dandré) verfasste, machten ihn berühmt. Im Fall des „Florentinerhutes“ war der Co-Autor Marc-Michel. Die Verwandtschaft Lefrancs zu Eugène Scribe, dem einflussreichen Theaterheros jener Zeit, ebnete dem jungen Autorenteam wohl so manche Hürde, wenn es darum ging die Stücke auf die Bühne zu bringen. 1880 wurde Labiche in die Academie Francaise gewählt. Für ihn gilt das gleiche wie für die Stücke seines Nachfolgers in diesem Genre der leichten Muse, Georges Feydeau: Es ist fast unmöglich, den Inhalt seiner in einem rasanten Tempo ablaufenden Geschichten in Kurzform nachzuerzählen.

„Der Florentiner Hut“ („Un chapeau de paille d’ltalie - ein italienischer Strohhut“, UA 1851) ist eines seiner meistgespielten Werke. Im Mittelpunkt der Komödie steht der heilige Stand der bürgerlichen Ehe und die Vertuschung des Ehebruchs. Mit seiner wahnwitzigen Motorik und seinen schicksalhaften Zufällen nahm »Der Florentinerhut« Züge des absurden Theaters vorweg.

Labiche war ein unerschöpflicher Komödienfabrikant. Durchschnittlich entflossen seiner spitzen Feder jährlich sechs bis acht Stücke, an denen auch nach Zerfall der Autorengemeinschaft die Kollegen Marc-Michel und Lefranc kräftig beteiligt waren.

Einige bekannte sind: Die Jagd noch dem Raben (1847), Die Affäre Rue de Lourcine (1857), Die Reise des Herrn Perrichon (1859), Das Sparschwein (1864), Le prix Martin (1876).

Verfilmungen  Die geniale Umsetzung des Stückes für den Stummfilm durch René Claire (1927) leitete eine Reihe von Verfilmungen ein. Die im deutschen Sprachraum bekannteste  ist  jene mit Heinz Rühmann (1939 unter der Regie von Wolfgang Liebeneiner). Der französische Leinwandstar Fernandel (Don Camillo und Peppone) begab sich 1940/1944 (mit kriegsbedingter Unterbrechung) in Originalsprache auf die zwerchfellerschütternde Strohhut-Jagd.  

 

 Farca musicale Auch für eine Oper stand die Komödie Pate: Nina Rota, der bedeutende italienische Komponist (Filmmusiken zu "La dolce Vita", "La Strada", "Der Pate" u.a.) nahm sich der irrwitzigen Strohhutgeschichte in der musikalischen Farce "Il cappello di paglia di Firenze"  (1955, Palermo) an.

Zur Entwicklung des Vaudeville im 19. Jahrhundert 

Eugène Scribe (1791-1861) verlieh dem Vaudeville einen distinguierten Charakter, der Sentimentalismus wurde feine Ironie, die Stücke erhielten eine solide Konstruktion: Un verre d'eau (1840), Bataille de dames (1851). Direkter Nachfolger Scribes ist Eugène Labiche (1815-1888), dessen Erfolg 1848 mit Le Club champenois begann und bis zur Geburt der III. Republik 1871 andauerte. Auf den Spuren Labiches triumphiert das Vaudeville zwischen dem Zerfall des Second Empire und der IIIe République. Autoren sind Henri Meilhac (1831-1897), Ludovic Halévy (1834-1908), die der Musik Jacques Offenbachs einige Themen liefern, so z. B., zwischen Vaudeville und Operette,  La belle Hélène (1864) oder auch La Vie parisienne (1866). Alexandre Bisson (1848-1912) nähert sich der comédie des moeurs, Maurice Hennequin (1863-1926) und Pierre Véber (1869-1942) und auch Georges Courteline (1858-1929) gelten als Spezialisten für die Komik. Courteline ist ein genauer Beobachter, dessen Stücke in sketchartiger und spontaner Manier auf die Veränderungen des Alltags eingehen (Les Gaietés de l'Escadron, 1886; Le commissaire est bon enfant, 1899; La Paix chez soi, 1903 etc.) Zum Ende des 19. Jahrhunderts erreicht das Vaudeville mit Georges Feydeau (1862-1921) seinen Höhepunkt. Inspiriert durch Labiche, entwickelt Feydeau rasch seinen eigenen Stil, so z. B. in Le Bourgeon (1906), La Dame de chez Maxim (1899), Occupe-toi amélie (1908) oder Mais n'te promène donc pas toute nue (1911). 

 

Komödie als Gesellschaftsspiegel

Probenfotos

 

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