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THEATER IM STIFTSHOF

Jaroslav Hašek

Es gibt es wenige Autoren, die dank nur einem Werk so weltberühmt geworden sind wie der tschechische Autor Jaroslav Hašek (1883-1923). Seine „Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ wurden in 58 Sprachen übersetzt, vielfach verfilmt und auf der Bühne aufgeführt. Der Schwejk wurde zu einem Symbol des Widerstands des einfachen Menschen gegen blinde Gehorsamkeit.

Hašek wurde als Sohn eines Lehrers geboren. Er konnte das Gymnasium nicht beenden, weil er wegen des frühen Todes des Vaters die Schule verlassen musste. Er musste mit für den    Lebensunterhalt der Familie sorgen und begann eine Lehre in einer Prager Drogerie. Als er gekündigt wurde, bewarb er sich an der neuen Handelsakademie, die er erfolgreich beendete. Um 1900 erschienen die ersten Gedichte Hašeks in der Zeitung „Národní listy“. Bis 1903 folgten auch einige Reiseskizzen. Ab 1902 hatte er eine Stellung in der Prager Bank „Slavia“, die er jedoch wegen Fernbleibens von der Arbeit verlor. Von da ab widmete er sich nur noch der Schriftstellerei. Er erwies sich Zeit seines Lebens als unruhiger, unangepasster Geist. 1904 schloss sich Hašek der tschechischen anarchistischen Bewegung an und geriet mit dem Gesetz in Konflikt. Im Jahr 1907 wurde er Redakteur der Zeitschrift „Komuna“. In den kommenden Jahren schrieb er viele Humoresken für verschiedene Zeitschriften. Er verwendete in seinen Werken fast ausschließlich die derbe und vulgäre Volkssprache und wurde daher von der Literatur nicht beachtet. Seine Werke wurden als „Gossenliteratur“ abgetan. Ab 1910 hatte er eine Zeitlang einen schlecht bezahlten Posten bei der Zeitschrift „Svět zvířat“ (Welt der Tiere), der er zu kurzer Berühmtheit verhalf, weil er seine Phantasie spielen ließ und einfach neue Tierarten „erfand“. Er musste diese Stelle aufgeben, da das Ansehen der Zeitschrift nachhaltig geschädigt hatte. Er  war Mitbegründer der „Partei des maßvollen Fortschritts in den Grenzen der Gesetze”, die 1911 die Wahlmethoden und Phrasen der damaligen Vorkriegsparteien satirisch kommentierte.

Im Ersten Weltkrieg diente Hašek im Böhmischen Infanterie Regiment „Freiherr von Czibulka” Nr. 91 an der Ostfront. In russischer Kriegsgefangenschaft schloss er sich der tschechischen Legion an und wechselte dann zur Roten Armee. Nach der Oktoberrevolution war er politischer Kommissar der Bolschewiki. 1918 trat er der Kommunistischen Partei Russlands bei. Bereits 1912 und 1917 erschienen die ersten beiden Schwejk-Bände. In dieser Zeit begann er bereits die Arbeit am Hauptroman „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk während des Weltkriegs”. Zunächst erschienen wöchentliche Lieferungen mit Illustrationen seines Freundes Josef Lada. Die zentrale Gestalt ist der Prager Hundehändler Josef Schwejk, der tölpelhaft und naiv den Lebensalltag meistert. Der aber auch unbeschadet den Krieg übersteht, weil er mit einer gehörigen Portion Witz, Direktheit und Bauernschläue ausgestattet ist. Der naive Schwejk steht in dauerndem Kampf gegen Bürokratie, staatliche Willkür und Militarismus und entlarvt sie in seiner Geradlinigkeit als lächerliche Posse. „Der brave Soldat Schwejk” gilt als eine der größten Satiren der Weltliteratur. Der Roman wurde in der neuen unabhängigen Tschechoslowakei verboten, war auch im Nazi-Deutschland verboten und seine erste englische Übersetzung wurde in zensierter Form veröffentlicht.

Bis zu seinem Tod konnte Hašek die ersten drei Teile schreiben, der Roman bricht mitten im vierten Teil ab. Sein Freund Karel Vaněk versuchte dann noch zwei weitere Bände, die jedoch nicht mehr die Qualität des Hauptwerkes erreichten. Später fanden weitere Versuche statt, den Erfolg der Erstveröffentlichung in weiteren Werken fortzuführen, was nicht gelang.

„Hasek ist ein Humorist des allergrößten Formats, den mit Cervantes und Rabelais zu vergleichen einer späteren Zeit nicht zu gewagt erscheinen wird“. Max Brod

 

Wie Jaroslav Hašek neue Tierarten erfand

Für die Zeitschrift „Die Welt der Tiere“ suchte man einen Redakteur – und stellte ausgerechnet Jaroslav Hašek ein, der schon damals im Jahr 1909 ein gefürchteter Humorist war. So saß Hašek also in einem Prager Arbeiterviertel in der Redaktion des Blattes, das vor allem Hundeliebhaber und Kleintierzüchter zu seinen Abonnenten zählte.  „… als ich die Redaktion übernahm“, erinnert sich Hašek einige Jahre später, „erkannte ich, dass es kein Tier gab, über das man in der Zeitschrift noch nicht geschrieben hatte. Ich sah mich also gezwungen, mir Tiere auszudenken, was mir weniger Arbeit und Mühe bereitete, als über längst entdeckte Tiere zu schreiben.“ 
der Zeitschrift wurde für Jaroslav Hašek zum Versuchskaninchen für seine wilden Erfindungen, die er natürlich als ernsthafte Entdeckungen in das Magazin schmuggelte. Zwischen Annoncen für Hundezwinger und Welpenzuchtbetriebe fand die biedere Leserschaft da eines Tages das Porträt des „Grausamen Vielfraßes“, das war sein erster Streich. Dieses Tier, so berichtete Hašek, werde von den Eingeborenen der Glücksinseln kurz Ajaroro genannt und lebe von zehn Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags im Meer. Den Rest des Tages verbringe es auf den Inseln, wo es die Kinder fange. Natürlich hatte Jaroslav Hašek seinen grausamen Vielfraß wissenschaftlich abgesichert – im Bericht beruft er sich auf den „Naturforscher Dr. Ewerich, einen bekannten Freund unseres Blattes“, der aus San Francisco eine genaue Beschreibung übersandt habe. Es folgt also der Bericht des Experten: „Er gehört, nach der Untersuchung der Knochen zu schließen, zu den Echsen. Ich vermute, dass dies die einzige Echsenart ist, die sich aus der Zeit der Großechsen wie der Ichthyosaurier bis in unsere Zeit erhalten hat. Auf der Bauchseite des Panzers befinden sich Deckflügel, die das Tier aneinanderreibt, wenn es erregt ist, wodurch ein auf zwei englische Meilen hörbares Getöse entsteht. Der Grausame Vielfraß hat große Augen. Die Gehirnhöhle ist mit Gehirn gefüllt. Auf welche Art er sich vermehrt, gelang mir nicht festzustellen.“ 

In Prag machte Hašeks neu entdecktes Tier gewaltige Furore: Ab der ersten Ausgabe, die er für die „Welt der Tiere“ betreute, schnellte die Auflage in die Höhe. Und natürlich enttäuschte Hašek die neuen Leser nicht, schon bald legte er nach. Er erfand den graubäuchigen Wal, der sich in den Meeren um Neugrönland herumtreibe, und schrieb zwischendurch („weil es begreiflicherweise sehr schwer ist, sich immer wieder neue Tiere auszudenken“) auch über längst bekannte mitteleuropäische Tierarten. Zum Beispiel erstellte er die Hitliste der größten Alkoholiker der Tierwelt: Bären, Katzen und Panther nahmen die Spitzenplätze ein. Und natürlich die Igel. Denn: „Was kaum einer weiß: Der Igel, dieses stille Tierchen, ist ein Gewohnheitstrinker von jeder Art von Alkohol.“ 
Und die „Welt der Tiere“? Die verkaufte sich immer besser nach diesen Hašek-Artikeln. In seiner Biografie heißt es, dass jede Menge Leser auf die Erfindungen hereinfielen: „Wissenschaftler verlangten Adressen und bibliografisches Material über die neuen Entdeckungen. Der Herausgeber bekam ernst gemeinte Briefe und Anfragen von Professoren, pensionierten Förstern, Postmeistern, Zoologen, Gerbern, Geflügel- und Kleintierzüchtern, Zirkusdirektoren, Fellhändlern und Varietékünstlern.“

Von diesem Zuspruch angespornt, lief Hašek zur Höchstform auf – und lieferte den Tierfreunden in der Leserschaft eine detaillierte Anleitung zur „einfachen, dabei jedoch sehr einträglichen häuslichen Aufzucht von Werwölfen“. Werwölfe, so schrieb er, seien zutraulich, treu und gut und den Hunden allemal überlegen. Die schnell erfundene Beschreibung lieferte er gleich mit: „Wir unterscheiden den Sibirischen Werwolf und den Mandschurischen Werwolf. Ersterer hat ein silbriges Fell, während das des letzteren eine goldene Tönung hat.“ Die Aufzucht bereite keinerlei Probleme: In den ersten sechs Monaten müsse man die Tiere mit Ochsenblut nähren, anschließend sei das Ochsenblut durch Treber zu ersetzen, den Rückstand beim Bierbrauen. 
Fast zwei Jahre lang lief es gut zwischen Jaroslav Hašek und dem Verleger des Tierzüchter-Blattes, dann flogen seine Erfindungen auf. Die Zeitung ging bald darauf pleite. Jaroslav Hašek aber blieb den Tieren treu: Er verkaufte fortan gepflegte Hunde, die er kurz zuvor auf den Prager Straßen eingefangen hatte.
Kilian Kirchgessner

 

SCHWEJK - TUCHOLSKY

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