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Zum Thema - Launiges und Wissenswertes aus der Antike

 

KAISERLICHES INCOGNITO

Schon im alten Rom trug man aus unterschiedlichsten Motiven Perücken. Ließ der Haarwuchs zu wünschen übrig oder litt man überhaupt unter Haarausfall, so war eine Perücke der Ausweg. Wollte z. B. die schwarzhaarige Kaiserin Messalina, die für ihren lockeren Lebenswandel berühmt berüchtigt war, unerkannt ihrem Hobby als Prostituierte nachgehen, so setzte sie sich eine Perücke auf, die aus dem blonden abgeschnittenen Haar von Germaninnen stammte. Es gab sogar eigene Geschäfte für Perücken, die in Rom nahe beim Circus Flaminius lagen. 

sed nigrum flavo crinem abscondente galero
intravit calidum veteri centone lupanar
et cellam vacuam atque suam; tunc nuda papillis
prostitit auratis titulum mentita Lyciscae
ostenditque tuum, generose Britannice, ventrem.

(Iuvenal  VI 120) 

Aber ihr schwarzes Haar verbarg sie (Messalina) unter einer blonden Perücke,

und so betrat sie das von einem alten Vorhang warmgehaltene Bordell

und die leere und ihr gehörende Zelle. Da bot sie sich nackt,

mit vergoldeten Brustwarzen, den Namen Lycisca vortäuschend, an,

 und zeigte den Leib, der dich, o edler Britannicus, getragen hat.

 Aber auch Männer nützten die falsche Haarpracht, um inkognito zu wahren. So berichtet uns der Geschichtsschreiber Sueton in seinen Kaiserbiographien von  Kaiser Caligula , Kaiser Nero und  Kaiser Otho. 

Über Kaiser Calilgula, der für seine Grausamkeit und Lasterhaftigkeit bekannt war, erfahren wir:  So wohnte er mit dem größten Vergnügen den Hinrichtungen und Folterungen der zum Tode Verurteilten bei, suchte nachts, durch Perücke und lange Kleider unkenntlich gemacht, Kneipen und übelberüchtigte Häuser auf und war begeistert für Theater, Tanz und Gesang.

quin et animaduersionibus poenisque ad supplicium datorum cupidissime interesset et ganeas atque adulteria capillamento celatus et ueste longa noctibus obiret ac scaenicas saltandi canendique artes studiosissime appeteret,..

(Sueton Cal.11) 

Nicht besser kommt Kaiser Nero weg. Sueton schrieb:

Neros Frechheit, Wollust, Verschwendungssucht, Habgier und Grausamkeit zeigten sich anfänglich erst vereinzelt und heimlich und wie aus einer jugendlichen Verirrung heraus; doch konnte schon damals niemand darüber im Zweifel sein, dass es sich um Laster handle, die in seiner Natur lagen und nicht nur seiner Jugend zugute gehalten werdend durften.

Sowie es dunkel wurde, nahm er rasch eine Mütze oder Kappe, betrat Kneipen, streifte in den Quartieren herum und verübte allerhand keineswegs harmlose Streiche; so pflegte er  Leute, die vom Essen heimkehrten, zu verprügeln und wenn sie sich zur Wehr setzten, sogar zu verwunden und in Kloaken zu tauchen, auch Läden aufzubrechen und auszurauben. Zuhause hatte er eine Kantine eingerichtet, wo die Beute an den Meistbietenden verkauft und der Erlös vertan wurde.

Post crepusculum statim adrepto pilleo vel galero popinas inibat circumque vicos vagabatur ludibundus nec sine pernicie tamen, siquidem redeuntis a cena verberare ac repugnantes vunerare cloacisque demergere assuerat, tenebras etiam effingere et expilare.

(Sueton, Nero 26,1)  

Von Kaiser Otho hingegen berichtet Sueton, er habe eine Perücke getragen, um seine Glatze zu verbergen.

Er soll nämlich klein gewesen sein, schlecht zu Fuß, krummbeinig und fast von weiblicher Eitelkeit: so habe er sich die Körperhaare auszupfen und sich der Spärlichkeit seines Haupthaares wegen eine Perücke so anpassen und befestigen lassen, dass es niemand merken konnte. Ja, er soll sich sogar täglich das Gesicht rasiert und mit feuchtem Brot abgerieben haben, und zwar seit sich der erste Flaum gezeigt hatte, damit er nie einen Bart bekomme.

Fuisse enim et modicae staturae et male pedatus scambusque traditur, munditiarum vero paene muliebrium, vulso corpore, galericulo capiti propter raritatem capillorum adaptato et adnexo, ut nemo dinosceret; quin et faciem cotidie rasitare ac pane madido linere consuetum, idque instituisse a prima lanugine, ne barbatus umquam esset;

(Sueton, Otho 12,1)

 

„DAS ROTHAARIGE MÄDCHEN ACHILL“

Achill, das war doch der griechische Held vor Troja, der Halbgott, der seinen Zorn nicht immer beherrschen konnte, der Namensgeber der Achillesferse und der Achillessehne, von Brad Pitt im 21. Jahrhundert verkörpert, ein Mädchen? Da kann etwas nicht stimmen …Achills göttliche Mutter Tethis hatte vom Seher Kalchas erfahren, ihr Sohn werde im trojanischen Krieg fallen. Das wollte sie um jeden Preis verhindern und so steckte sie den jungen Achill in Mädchenkleider und brachte ihn zum König Lykomedes auf Skyros. Weil Achill rotblonde Haare hatte, bekam er den Namen PYRRHA. Die List der Thetis blieb aber nicht unentdeckt; der listenreiche Odysseus kam ihr auf die Schliche, reiste nach Skyros, brachte viele Geschenke mit, Schmuck, schöne Kleider, aber auch Waffen. Die königlichen Mädchen freuten sich über die Gaben, da ließ Odysseus plötzlich Kriegslärm ertönen. Sofort griff „das rothaarige Mädchen Achill“ zu den Waffen!

Damit war sein Schicksal besiegelt. Es hieß auf nach Troja, wo er viele Heldentaten vollbrachte, aber seinem Schicksal nicht entgehen konnte. An seiner einzigen verwundbaren Stelle, der Achillesferse, getroffen, fand er den Tod.

Der Mythograph, also der Geschichtenerzähler Hygin, berichtet über die Mädchentage des Helden Achill.

nam virgines Pyrrham nominarunt, quoniam capillis flavis fuit et Graece rufum “pyrrhon” dicitur.

Denn die Mädchen nannten ihn Pyrrha, weil er rotblonde Haare hatte und auf Griechisch rotblond „pyrrhon“ bedeutet.

 Das lateinische Wort für rotblond bedeutet FLAVUS oder RUFUS.

Rufus wurde im Lateinischen also „der Rote“. Als Namensbezeichnung wurden damit in der Antike Personen benannte, die rote Haare oder eher rötliche Haut hatten.

Rufus, der Rote, ist heute noch in vielen biologischen Bezeichnungen zu finden, immer wenn etwas Rotes das Kennzeichen des Tieres ist.

 Eine kleine Auswahl gefällig?

Das rote Riesenkängaru (MACROPUS RUFUS), der Rotluchs (LYNX RUFUS), der Rotwolf (CABIS RUFUS), die rote Waldratte (Nesomys rufus), die rote Waldameise (Formica rufa) etc.

  

„Sternenhaare“ oder „Haare am Himmel“

COMA BERENICES  - DAS HAAR DER BERENIKE

Das Haar der Berenike (lateinisch Coma Berenices) oder auch oft die „Locke der Berenike“ genannt ist ein Sternbild zwischen Löwe und Bärenhüter.Die Namensgeberin Berenike lebte im 3. Jahrhundert vor Christus und war die Gattin des ägyptischen Königs Ptolemaios III. Ihr Name Berenike oder Pherenike bedeutet eigentlich „die den Sieg bringt“. Die Siegesgöttin Nike ist uns heutzutage ja eher durch die Firma NIKE vertraut, deren Logo an die Flügel der antiken Siegesgöttin Nike oder Victoria, wie sie die Römer nannten, erinnern soll. Formt man mit den Fingern den Anfangbuchstaben der Siegesgöttin Victoria V, bedeutet das international „Sieg“, denn das englische Wort für Sieg ist VICTORY.

 Berenike versprach der Liebesgöttin Aphrodite ihr Haar zu opfern, wenn ihr Gemahl in einem Kriegszug siegen würde. Ptolemaios siegte, Berenike schnitt ihre Locken ab und opferte sie in einem Tempel. Doch am nächsten Tag waren die königlichen Locken verschwunden. Der Hofastronom Konon interpretierte sogleich das mysteriöse Verschwinden. Den Göttern hätten die Haare der Berenike so gut gefallen, dass sie nun für immer am Himmel zu sehen seien.

Diese Geschichte war in der Antike so beliebt, dass gleich zwei berühmte Dichter diese Locken unsterblich machten: die griechische Version stammt von Kallimachos; Catull verdanken wir die lateinische Übersetzung.

Hauptakteur ist das Haar der Berenike, das selbst vom Himmel aus erzählt, was geschehen ist.

 idem me ille Conon caelesti numine vidit

 e Berniceo vertice caesariem

fulgentem clare,…

(Catull c.66, 7ff.)

 Eben der Konan hat mich am göttlichen Himmel gesehen,

mich das hellglänzende Haar vom Haupt der Berenike.

 P.S.

Ein kleines POST SKRIPTUM, also NACHGESCHRIEBENES.

Von eben dieser Berenike stammt unsere heutige VERNISSAGE. Über Umwege einer Stadtgründung und des Exportartikels Berenice, eines lackartigen Anstriches, der durch einige sprachliche Veränderungen der Pate für das französische vernis ( unsere Firnis) geworden ist, ist die Vernissage hervorgegangen.

Wer Lust auf „mehr Berenike und Vernissage“ hat, dem sei das Büchlein von Klaus Bartels „Wie Berenike auf die Vernissage“ kam, herzlichst empfohlen.

 

Haarige Kunstwerke Martials 

Ein wahrer Meister seines Faches war der römische Dichter Martial. Seine bissigen, treffenden, witzigen, einfallsreichen Epigramme beleuchten das Alltagsleben Roms im ersten Jahrhundert n. Chr. So finden sich auch zahlreiche Anspielungen auf Haare, auf echte und auf unechte, auf Haare auf dem Kopf und auf Haare an anderen Stellen.

Genießen Sie ein kleine haarige Auswahl im Original und in einer den Wortwitz leider nicht immer treffen könnenden deutschen Übersetzung.

Ob Zahnersatz oder falsche Haare, nichts war den Römern bzw. Römerinnen fremd.

„Alles echt!

 Dentibus atque comis – nec te pudet – uteris emptis.

   Quid facies oculo, Laelia? non emitur.

(Martial, XII 23)

 Du benützt gekaufte Zähne und gekaufte Haare – und du schämst dich nicht dafür.

Was wirst du mit einem Auge machen, Laelia? Man kann es nicht kaufen.

Wenn man im alten Rom mit seiner Haarfarbe nicht zufrieden war, griff  man – wie heute – zu Haarfärbemitteln, wenn auch zu radikaleren und nicht immer nachahmenswerten.

Beliebt war neben Henna auch Asche, die die Haare angeblich rötlich schimmern ließen.

Da blondes Haar als besonders erotisch galt, wurde das eigene dunkle Haar mit aus Germanien kommenden Seifenkugeln oder mit batavischen Schaum behandelt.

Wer besonders auffallen wollte, färbte sein Haar in auffälligem Blau.

Um graues oder weißes Haar wieder zu jugendlicher Pracht zu bringen und wenn das Auszupfen dieser Alterserscheinung eher zu einer Glatze führte, griffen auch Männer zu Färbemitteln;

 

Schwarz- weiß Malerei

Mentiris iuvenem tinctis, Laetine, capillis,
     tam subito corvus, qui modo cycnus eras.
Non omnes fallis; scit te Proserpina canum:
     personam capiti detrahet illa tuo.

(Martial III, 43)

 Du täuscht mit deinen gefärbten Haaren, Laetinus, einen jungen Mann vor,

der du so plötzlich ein Rabe wurdest, der du eben noch ein Schwan warst.

Du täuscht nicht alle; Proserpina, die Göttin der Unterwelt, weiß, dass du grauhaarig bist.

Jene wird dir die Maske von deinem Kopf reißen.

 

Die Haare stehen zu Berge

 Unsere Redewendung, das bildhafte in die Höhe stehen von Haaren, wenn wir besonders entsetzt sind, hat seinen Ursprung bei Aeneas, dem Titelhelden der Aeneis des römischen Dichters Vergil aus dem 1. Jahrhundert vor Christus. Immer wenn diesen Helden, der aus dem brennenden Troja fliehen konnte und zum Ahnherr des römischen Reiches wurde, das Entsetzen packt, stehen ihm die Haare „gerade wie auf einem Stativ“ in die Höhe.

 Einmal sind die Haare (COMAE) gerade aufgerichtet (ADRECTAE). Einen Teil dieses „AUFGERICHTET SEINS“ oder „IN DIE HÖHE STEHENS“ finden wir auch in unserem Wort DIREKT, mit dem unser (Di)rektor und der Dirigent verwandt sind, und in einer weiteren Variante auch die EREKTION.

 Das zweite Mal stehen die Haare wortwörtlich (STETERUNT COMAE). Das Grundwort von STETERUNT ist STARE (stehen), von dem die Station, der Statist, das Stativ, die Statistik, das Statement und vieles mehr stammen.

 Hier die beeindruckenden Sprachbilder im Original:                       

 At vero Aeneas adspectu obmutuit amens

adrectaeque horrore comae et vox faucibus haesit.

(Vergil Aeneis IV, 279 f. und XII 868)

Aber Aeneas verstummte durch den Anblick, er war von Sinnen

und die Haare waren durch den Schrecken aufgerichtet und die Stimme blieb in der Kehle stecken.

 obstipui steteruntque comae et vox faucibus haesit.

(Vergil Aeneis II 774; III 48)

Ich erstarrte, die Haare standen (zu Berge) und die Stimme blieb im Rachen stecken.

 

Haar für Haar

 Latein ist eine vielfältige, immer für Überraschungen gute Sprache. So finden sich auch mehrere Varianten für unser deutsches Wort Haar. 

PILUS bezeichnet ein einzelnes Haar, wird aber aus dem S ein M, also PILUM ist das ein Wurfspieß. Spielt man das Endungsspiel weiter, stößt  man auf PILA: das ist der Ball. 

Aber zurück zu den Haaren. Von PILUS (Haar) abgeleitet  sind unsere Bezeichnungen „epilieren, depilieren“ oder das „Depilatorium“, das Enthaarungsmittel.

Interessiert am Unterschied zwischen Epilieren und Depilieren?
Epilieren bedeutet die Entfernung von Körperhaaren mitsamt der Haarwurzel, beim Depilieren werden nur die sichtbaren Teile der Haare, entweder durch Rasieren oder chemische Mittel, entfernt. 

CAPILLUS ist das Haupthaar. Davon abgeleitet ist CAPILLAMENTUM die Perücke und ein CAPILLATUS bedeutet behaart oder langhaarig und bezeichnet auch oft einen jungen Mann.

CAPILLARIS wiederum bedeutet zum Haar gehörig.

 Davon abgeleitet verwenden wir heute die Ausdrücke Kapillare und Kapillarität.

Kapillare sind Haargefäße, also kleinste Blutgefäße. In der Physik als sogenannter terminus technicus (t.t.) auch ein Röhrchen mit sehr kleinem Querschnitt.

Die Kapillarität wiederum ist das Verhalten von Flüssigkeiten in engen Röhren und damit wieder ein t.t.

 Noch ein Wort für Haar hat das Lateinische: COMA, das Kopfhaar; daher ist eine COMA APPOSITIA eine Perücke und COMATUS ist ein Langhaariger. 

Ich hoffe, ich habe Sie mit so viel „HAAR“ nicht ins Koma versetzt, das wiederum aus dem Griechischen kommt und Ruhe, Aufhören oder tiefer Schlaf bedeutet.

 

Texte: Renate Glas       AMICI LINGUAE LATINAE/ Europagymnasium Klagenfurt

Zeichnungen: Gudrun Wieser Institut für Klassische Philologie der Universität Graz

 

 

http://www.amici-online.eu/

 

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