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THEATER IM STIFTSHOF

2009

vo.li. Gamisch-Karner, Wurzer, Hollauf, Altenhofer

ENTSTEHUNG UND VORLAGE

Mehr als zwei Drittel der insgesamt 83 Stücke Nestroys sind nach fremden Vorlagen, vorwiegend englischen und französischen Theaterstücken, aber auch nach Romanen entstanden. Die Vorlage zur Posse Der Talisman war das französische Vaudeville Bonaventure von Dupeuty und de Courcy, das am 23. Juni 1840 im Pariser Vaudeville-Theater mit riesigem Erfolg uraufgeführt wurde. Nestroy hat das Stück spätestens durch die Rezension von Joseph Mendelsohn in der Wiener Theaterzeitung vom 19. August 1840 kennen gelernt, wahrscheinlich aber früher. Vermutlich hat der Theaterdirektor Carl es in einem Exemplar des Magazin Théâtral von einer Erkundungsreise nach Paris mitgebracht.

Der in französischen Theaterpublikationen im Juni und Juli mehrfach gemeldete große Erfolg des Stücks hat Carl sicherlich gereizt, das Stück nach Wien zu importieren.  Der Talisman dürfte zwischen Mitte Juli und Dezember 1840 entstanden sein; die Premiere war am 16. Dezember. Nestroy verfuhr bei der Adaption in der üblichen Weise. Zunächst fertigte er eine Übersetzungs- oder Aneignungsskizze an, die stichwortartig Schauplätze, wichtige Motive und Situationen und einzelne Redewendungen enthielt.

Erste Seite der Übersetzungsskizze"Bonaventure" -  (Wiener Stadt- und Landesbibliothek I.N. 94.386)

 Der zweite Arbeitsschritt bestand in der Erstellung eines Szenariums, das auf der linken Seite mit der Aufeinanderfolge von Szenen den Handlungsablauf und auf der rechten Dialog- und Coupletentwürfe, Einfälle und Wortspiele enthält. Hier traten schon entscheidende Veränderungen gegenüber der Vorlage zutage: die Psychologie der Personen ist abgewandelt, neue Motivierungen und neue Rollen werden eingefügt. Auch denkt Nestroy hier schon an den Rollentypus bzw. direkt an die Schauspieler des Carl-Ensembles, auf die er die Figuren abstellt. Der berufslose Bonaventure wird Titus Feuerfuchs, ein Badergeselle; diese Umbenennung drängt das Motiv von Abenteuer und Glück zurück, verankert die Hauptfigur stärker in der Gesellschaft und lässt zugleich das Außenseitermotiv anklingen. Aus Jeanne la Rousse, der „gardeuse de dindons“, der Hüterin von Truthähnen, wird bei ihm Salome Pockerl (Pute), eine Gänsehüterin. Damit erinnert er an die im deutschsprachigen Raum bekannte Märchengestalt, mit der stets eine soziale Außenseiterstellung mitgedacht wird. Der Vorname Salome könnte auf ihre Friedfertigkeit hinweisen. Damit steht sie vom Temperament her in einem gewissen Gegensatz zu dem „dynamisch“ klingenden Namen Titus Feuerfuchs. Die meisten übrigen Figuren bekommen ebenfalls sprechende Namen. Aus Monsieur Leduc ist über die wieder verworfene Übersetzung ‚Herzog‘ ein Herr Marquis geworden, was aus dramaturgischen Gründen, der späteren Verwechslung des Namens mit einem Standestitel, geschickter ist. Der Name der Kammerfrau Constantia (die Beständige) statt Justine soll offenbar ironisch verstanden werden, denn sie zeigt sich in dem Wechsel ihrer Liebhaber als besonders unbeständig. Der Gartenknecht L‘Eclopp (Krüppel) bekommt den Namen Plutzerkern (= Kürbiskern), nachdem Nestroy auch ‚Krauthapel‘ erwogen, dann aber wieder gestrichen hatte. Die Schlossherrin von Chateau Gaillard (das fidele Schloss) ist im Szenarium noch als „Gräfin“ ausgewiesen, eine Übernahme kam jedoch aus Gründen der Zensur nicht in Frage. Deshalb machte Nestroy sie zur Gutsherrin Frau von Cypressenburg, und arbeitete ihre literarischen Ambitionen heraus. Den Ensemblevorgaben des Carl-Theaters entsprechend schrieb er mehrere neue Rollen, wie die der Cypressenburg-Tochter Emma und vor allem die des Bierversilberers Spund, ferner den Herrn von Platt und den Notarius Falck, außerdem führte er verschiedene Bauernburschen und -mädchen ein. Den Bierversilberer Spund, der im dritten Akt als reicher und törichter Onkel großes Gewicht hat, sollte der Theaterprinzipal und Komiker Carl spielen. Damit hatte Nestroy mit dem Schauspieler Grois als Plutzerkern und sich selbst als Titus abermals Rollen für ein Komiker-Trio geschrieben, wie es schon 1833 im Lumpazivagabundus mit Wenzel Scholz, Carl und Nestroy in den Hauptrollen große Erfolge gehabt hatte. Eine weitere Bearbeitung des Bonaventure von Josef Kupferwieser, die unter dem Titel Roth, braun und blond, oder die drei Wittfrauen, Posse mit Gesang in drei Aufzügen, treu nach dem Französischen mit Abänderung des Schlusses, am 16. Jänner 1841 im Theater in der Josefstadt uraufgeführt wurde,  konnte dem Vergleich mit der Nestroy’schen Version nicht standhalten und wurde dementsprechend ungünstig beurteilt.

Quelle: : Johann Nestroy, Historisch-kritische Ausgabe Stücke 17/I herausgegeben von Jürgen Hein und Peter Haida, Verlag Jugend und Volk Wien 1993

 

NESTROY

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