top

 

 Prilasnig - Thalhammer

KLEINE TEXTKOSTPROBE

 

JOURDAIN                 .....Ich bitte darum. Übrigens, ich muss Ihnen ein kleines Geheimnis anvertrauen: Ich bin verliebt in eine Person von höchstem Stand. Es wäre mir lieb, wenn Sie mir beim Verfassen eines kleinen Briefchens behilflich sein könnten, welches ich unbemerkt zu ihren Füßen fallen lassen möchte.

 

PHILOSOPH              Gute Idee.

 

JOURDAIN                 Das wäre doch galant, nicht?

 

PHILOSOPH              Zweifelsohne. Wollen sie etwas in Versen schreiben?

 

JOURDAIN                 Nein, nein auf keinen Fall.

 

PHILOSOPH              Also nur in Prosa

 

JOURDAIN                 Nein, auch nicht. Ganz normal.

 

PHILOSOPH              Aber das eine oder das andere muss es sein.

 

JOURDAIN                 Warum?

 

PHILOSOPH              Weil es nur Prosa oder Verse gibt.

 

JOURDAIN                 Es gibt nur Prosa und Verse?

 

PHILOSOPH              Ja freilich; alles was nicht Prosa ist, sind Verse und was kein Vers ist, ist Prosa.

 

JOURDAIN                 Und so wie wir beide miteinander reden – was ist das?

 

PHILOSOPH              Prosa.

 

JOURDAIN                 Was? Wenn ich sage: Nicole, bringe mir meine Pantoffeln, dann ist das Prosa?

 

PHILOSOPH              Exakt.

 

JOURDAIN                 Sagenhaft, da spricht man sein ganzes Leben lang schon Prosa und weiß es nicht.

                                    Nicole erscheint mit den Pantoffeln

                                    Ich bin Ihnen für diese Erkenntnis äußerst verbunden.

 

NICOLE                       Wie sie meinen. ab

 

JOURDAIN                  Also, in diesem Briefchen sollte stehen: „Schöne Marquise, Ihre schönen Augen lassen mich vor Liebe sterben.“ Aber das sollte irgendwie eleganter, geschmeidiger ausgedrückt sein, irgendwie adeliger.

 

PHILOSOPH              Schreiben Sie ihr, dass die Glut ihrer Augen ihr Herz zu Asche zerfallen lässt, und dass Sie sich Tag und Nacht in Leidenschaft nach ihr verzehren ..oder…

 

JOURDAIN                 Nein, nein, nein, nichts davon. Ich möchte nur das drinnen stehen haben, was ich gesagt habe: „Schöne Marquise, Ihre schönen Augen lassen mich vor Liebe sterben.“

 

PHILOSOPH              Etwas sollte man es schon ausschmücken.

 

JOURDAIN                 Nein, es sollen nur diese Worte vorkommen. Nur irgendwie schicker, weltmännischer.

 

PHILOSOPH              Nun, man könnte es zunächst so ausdrücken wie Sie:

„Schöne Marquise, Ihre schönen Augen lassen mich vor Liebe sterben.“

Oder: „Vor Liebe sterben lassen mich, Schöne Marquise, Ihre schönen Augen.“

Oder aber: „Ihre schönen Augen lassen mich vor Liebe, schöne Marquise, sterben“

Möglich wäre auch: „Sterben lassen Ihre schönen Augen vor Liebe, schöne Marquise, mich.“

 

JOURDAIN                 Welche Fassung ist nun die beste?

 

PHILOSOPH              Die Ihre.

 

JOURDAIN                 Wunderbar. Ohne Studium, auf Anhieb richtig. Ich danke Ihnen vom ganzen Herzen und bitte Sie, gleich morgen früh wiederzukommen.

 

PHILOSOPH              An mir soll’s nicht liegen. Ab

 

weiter zu Molière

ZURÜCK ZUM ARCHIV