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Zum Thema - Launiges und Wissenswertes aus der Antike

 

Der Florentiner Hut – ein blühender lateinischer Hut

 

Der Florentiner Hut ist ein im lateinischen Sinn des Wortes „Blühender Hut“, wie auch die Stadt Florenz eine „Blühende Stadt“ ist. Lesen wir „Flora und Fauna“, denken wir moderne Menschen zuerst an Biologie und Umwelt. Eine viel schönere Assoziation ist jedoch FLORA, die römische Göttin der Blumen. Als C. Julius Caesar 59. v. Chr. Florenz als römische Colonia im Arnotal errichtete, gab er ihr den Namen FLORENTIA, wie Flora als Göttin der Blumen und des Pflanzenwachstums auch genannt wurde. Flora war die Göttin alles Blühenden, somit auch der Jugend und des fröhlichen Lebensgenusses, selbst der "guten Hoffnung" der Frauen, deren Symbol die Blüte ist. An ihrem Fest FLORALIA schmückte man die Wohnungen und sich selbst mit Blumen, die Frauen kleideten sich gegen die sonstige Gewohnheit in bunte Farben und Gesang, Tanz und Tafelfreuden füllten die Festzeit.  

Im lebenslustigen Rom durften auch eigene Spiele zu Ehren der Blumengöttin Flora nicht fehlen. Diese LUDI FLORALES fanden im Frühling statt und anstelle von wilden Raubtieren machte man Jagd auf Hasen und Rehe. Der römische Dichter P. Ovidius Naso ruft daher in seinem Festkalender FLORA als Mutter der Blumen an:

mater, ades, florum, ludis celebranda iocosis

Mutter der Blumen, du musst mit lustigen Spielen gefeiert werden. 

Die Göttin Flora hatte in Rom auch zwei Tempel, einen auf dem Quirinal, den anderen in der Nähe des Circus Maximus. 

Ein schönes und sehr bekanntes Bild von FLORA ist ein Gemälde des italienischen Renaissancemalers Sandro Botticelli.

Wir sehen den geflügelten Liebesgott Amor, seine Mutter die Göttin der Schönheit und Liebe Venus, Merkur, den Götterboten  und die drei Grazien, die einen Reigen tanzen.

Neben Venus sind Chloris, Zephyr, der Windgott und Flora abgebildet.

Botticelli malte die Verse Ovids: 

 

…während sie sprach, haucht sie Frühlingsrosen aus ihrem Munde:

 Der Flora legt der Dichter folgende Worte in den Mund:

 Chloris eram, quae Flora vocor

Chloris war ich, die ich jetzt Flora genannt werde.  

…Es war Frühling, ich irrte umher; Zephyrus erblickte mich, ich ging weg.

Er folgte, ich fliehe, jener war stärker [...]

 Die Gewalttat dennoch machte er dadurch wieder gut, dass er mir den Namen der Gattin gab, und in meiner Ehe gibt es keinen Grund zur Klage.

Stets genieße ich den Frühling, stets ist üppig blühend die Jahreszeit, die Bäume haben Laub und Nahrung stets der Erdboden

 

 Aber lassen wir FLORA weiter blühen: 

Bleiben wir in der Natur und bei den Blumen, so bezeichnen Fachleute Blumen mit wenigen Blüten als PAUCIFLORA, Blumen mit einer einzigen Blüte UNIFLORA und Blumen, die sich durch Üppigkeit beim Blühen auszeichnen als FLORIBUNDA. Pflücken wir die Blüten ab, so wäre der Fachausdruck DEFLORIEREN, was aber auch elegant das Ende der Jungfräulichkeit umschreibt.Im Reich der Wirtschaft begegnen uns florierende Unternehmen; FLORUIT bezeichnet die Hauptschaffenszeit eines Künstlers. Wir lesen FLORES, Stilblüten oder verwenden FLOSKELN, eigentlich Redeblütchen und bewundern ein FLORILEGIUM, eine Blütensammlung. Und nicht zu vergessen der bekannte Künstler Paul FLORA oder auch ein Geschäft, in dem man schöne Blumen, also BELLAFLORA kaufen kann.

 

„Blumiges Latein“ im „blühenden Hut“

 DIE MYRTE

Myrtus communis  - gemeine Myrte

 Im „Florentiner Hut“ spielt die Myrte oder Brautmyrte, wie sie gerne genannt wird, eine sehr entscheidende Rolle. Viele interessante Geschichten finden sich in der Antike rund um die Myrte. Im Mittelpunkt aller Geschichten steht die Göttin der Schönheit und Liebe,  die römische Venus oder die griechische Aphrodite.  

Myrtus est arbusucula Veneris subiecta tutelae.

Verg, Georg 1,27,28

Der Myrtenstrauch ist dem Schutz der Venus anvertraut. Daher ist ein Tempel der Liebesgöttin ohne heiligen Myrtenbaum nicht denkbar.

 LÖCHER Hält man ein Blatt des Myrtenbaumes gegen das Licht, so bekommt man den Eindruck, als ob es von zahlreichen Nadelstichen durchlöchert sei. Der antike Schriftsteller Pausanias gibt uns folgende mythische Erklärung:  Die unglückliche Phaedra habe ihre Wut  gegen Aphrodite an den Myrtenblättern ausgelassen und diese Blätter mit ihrer Haarnadel durchstochen. Phaedra, die Gattin des Helden Theseus, hatte sich nämlich in ihren Stiefsohn Hippolytos verliebt; Hippolytos aber wollte von seiner Stiefmutter nichts wissen und daran konnte natürlich nur Aphrodite Schuld sein…Heute wissen wir, dass es sich bei den Löchern in den Myrtenblättern um Drüsen handelt, die das ätherische Myrtenöl enthalten.

 VERBOTENE LIEBE Zwei Geschichten erzählen, wie die Myrte  ihren Namen bekam. Eine Geschichte hat mit Adonis, dem noch heute sprichwörtlich schönen Jüngling, zu tun. Adonis war der Sohn des Königs von Zypern und seiner Tochter Myrrha. Myrrha hatte sich in ihren Vater verliebt und mit Hilfe ihrer Amme gelang es ihr, das Lager des Vaters zu teilen. Als dieser den Frevel entdeckte, verfolgte er seine Tochter bis nach Arabien. Dort wurde sie auf Grund ihres Flehens in einen Myrrhenbaum oder Myrtenbaum verwandelt. Als sie schon ein Baum war, gebar sie Adonis, der von  Nymphen aufgezogen wurde. Adonis wurde ein schöner junger Mann, so schön, dass sich sogar die Liebesgöttin Aphrodite für ihn interessierte. So zog die Göttin ihn in ihren Bann und sie verbrachten viel Zeit zusammen. Aphrodite war allerdings immer besorgt um Adonis, da er so sorglos und unvorsichtig zur Jagd ging. Sie warnte ihn mehrmals, doch Adonis wollte nicht hören. So trug es sich zu, dass Adonis wieder auf die Jagd ging und einem wütenden Wildschwein nicht mehr entkommen konnte. Er wurde tödlich verletzt und stürzte zu Boden. Als Aphrodite von dem Vorfall erfuhr, war sie zutiefst erschrocken und lenkte ihr Gespann sofort zu dem sterbenden Adonis. Sobald sie den Geliebten sterbend am Boden sah, sprang sie vom Wagen, raufte  sich die Haare und riss ihr Kleid auf und schalt die Schicksalsgöttinnen.

In großer Trauer sprach sie:

“luctus monimenta manebunt semper, Adoni, mei.

At cruor in florem mutabitur. […]“

Sic fata cruorem nectare odorato spargit.

(Ovid Metamorphosen X 725ff) 

„Oh Adonis, die Denkmäler meiner Trauer werden immer andauern.

Aber dein Blut wird in eine Blume verwandelt werden.

So sprach sie und besprengt das Blut mit duftendem Nectar.

Und so wurden interessanterweise Mutter und Sohn in Blumen verwandelt.

 WER IST DIE BESSERE? In der zweiten namensgebenden Geschichte tötete die Göttin Athene eine attische Nymphe namens Myrsine, die sich angemaßt hatte, mit der stolzen Göttin um Kampfesmut und Geschicklichkeit  zu wetteifern. Doch beim Anblick der toten Nymphe wurde Athene von Trauer und Reue ergriffen. Aus Myrsines Leib ließ sie die Myrte sprießen, und die Tränen der Göttin machten deren Blätter immergrün.  

„LIEBE“ MYRTE" Weil die Bräute einen Brautkranz aus Myrten tragen, spricht man von einer „grünen“ Hochzeit. In der Antike schmückte sich nicht nur die Braut mit einem Myrtenkranz, sondern auch der Bräutigam. Er trug einen Myrtenzweig in der Hand.

Mit dem 16. Jahrhundert wurde das Tragen eines Myrtenkranzes auch in Deutschland Sitte. Vermutlich wurde dadurch die Myrte als Zimmerpflanze beliebt, denn es war Brauch, aus dem Brautkranz einen Zweig zu bewurzeln und ihn dann behutsam zu umsorgen.

Die enge Verbindung der Myrte und der Liebesgöttin macht sie auch zu einem wirksamen Bestandteil für Liebeszauber. Trägt man die Myrte in einem Zauberbeutel, soll sie die Liebe zwischen zwei Menschen festigen. Wenn man es durch die Blume sagen will und eine Myrte schenkt,  bedeutet das: Venus und Amor werden dich bald mit dem Brautkranz umwinden. Kurioserweise war die Liebespflanze Myrte nicht bei allen Frauen beliebt. So sollen die sittenstrengen Matronen, die verheirateten Römerinnen, die Myrte als Symbol für sinnliche Liebe nicht allzu gerne gesehen haben. 

Interessanterweise war seit der Zeit Karls des Großen in Europa  lange Zeit Rosmarin als Hochzeitsblume verbreitet, der als Sinnbild der Liebe und Treue galt. Rosmarin war "das" Hochzeitskraut, bis es dann wieder durch die Myrte abgelöst wurde. Als Liebeskraut sollte ein blühender Rosmarinzweig denjenigen, der damit berührt wurde,  verliebt machen und bald heiraten lassen. Ein Mann, den  Rosmarinduft „kalt“ ließ, stand in dem Ruf, nicht zu echter Liebe für eine Frau fähig zu sein. Auch Rosmarin, was wortwörtlich übersetzt Meertau bedeutet, war der Aphrodite heilig.

„HELFENDE MYRTE“ Myrtenkränze waren aber in der Antike nicht nur als Brautkränze beliebt. Kränze „coronae“ wurden gerne als Dekoration des Gelages bzw. der Trinkgelage verwendet. Sie bei Tageslicht in der Öffentlichkeit zu tragen, galt als anstößig, aber sie  symbolisierten Lebensfreude, Ungezwungenheit, Ausgelassenheit, und trotz allem auch das Wahren der Würde. Die Kränze wurden aus Efeu und Myrte geflochten. Man trug sie auf dem Kopf und hoffte, dass sie einen vor den unerwünschten Folgen des exzessiven Weingenusses schützen würden.  

„TRIUMPHIERENDE“ MYRTE Bekannt sind Lorbeerkränze, die der triumphierende Imperator trug, wenn er in Rom einzog. Unterwarf ein Feldherr ein Volk nicht mit Waffen, sondern durch die Kunst der überzeugenden Rede und Unterhandlung unter die Schutzmacht der Römer, so war das der kleine Triumph „Ovatio“. Der siegreiche Feldherr zog nicht mit dem Blut sühnenden Lorbeer ein, sondern mit einem Myrtenkranz um die Schläfe und in der Hand; nicht die Tuba, sondern Flöten erklangen; er fuhr nicht auf dem triumphalen Viergespann, sondern saß auf einem Pferd oder ging überhaupt zu Fuß.

Die Flöte und die Myrte symbolisieren den Frieden, weil Venus die größte Feindin  von Krieg und Gewalt unter den Göttern war. Der Universalgelehrte der Antike, der ältere Plinius, überliefert, dass Postumis Tubertus der erste Triumphator dieser Art war.

Quoniam rem leviter sine cruore gesserat, myrto Veneris Victricis coronatus incessit.

(Plinius 15,38)

Weil er die Angelegenheit leicht und ohne Blutvergießen ausgeführt hatte, schritt er bekränzt mit der Myrte der Venus Victrix einher.

 „DUFTENDE MYRTE“ Durch ihren frischen zarten süß-krautigen Duft war die Myrte auch als Duftstoff sehr beliebt. Gute Gerüche gehörten zum guten Ton, doch sollte nicht übertrieben werden. 

So behauptet der Komödiendichter Plautus

mulier recte olet, ubi nihil olet.

(Plautus Mostellaria 273)

Eine Frau riecht dann gut, wenn sie nach nichts riecht.

 Auch der Philosoph und Erzieher des Kaisers Nero, Seneca, meint:

optimum odor in corpore est nullus.

Der beste Körpergeruch ist keiner. 

Der boshafte Epigrammdichter Martial unterstellt einem Herrn Postumus nicht wirklich ein Mann zu sein:

esse quid hoc dicam quod olent tua basia muram

   quodque tibi est numquam non alienus odor?

hoc mihi suspectum est, quod oles bene, Postume, semper :

   Postume, non bene olet, qui bene semper olet.

(Martial II 12)

Was soll ich dazu sagen, dass deine Küsse nach  Myrrhe riechen

und dass du ständig einen fremdartigen Duft um dich hast?

Verdächtig ist mir, dass du, Postumus, immer gut riechst:

Der riecht nicht gut, Postumus, der immer gut riecht. 

„BELIEBTE“ MYRTE  Bei Hochzeiten in Griechenland war es auch Sitte beim Hochzeitsmahl einen Myrtenzweig reih um die Klinen herumgehen zu lassen und wer an der Reihe war, trug Sprichwörter, Kluges oder Erotisches vor. 

In der Antike waren die Beeren der Myrte beliebt. Sie wurden als feines Gewürz geschätzt, und der Komödiendichter Aristophanes behauptet, dass sie von Frauen und Mädchen besonders gern gegessen würden. 

„GEWURSTETE“ MYRTE Indirekt essen wir heute noch gerne mit Myrten gewürzte Wurst. Vor der Verwendung des doch sehr teuren Pfeffers wurden Myrtenbeeren verwendet. Der Naturwissenschaftler Plinius der Ältere berichtet von einer mit Myrte gewürzten Wurst, murtatum farcimen, mit dem Namen Myrtatella, und das ist nichts anders als unsere heutige Mortadella.


 

  Renate Glas, AMICI LINGUAE LATINAE;

Institut für klassische Philologie der Karl-Franzens Universität Graz

Europagymnasium Klagenfurt

 

Zeichnungen Gudrun Wieser

Institut für klassische Philologie der Karl-Franzens Universität Graz

http://www.amici-online.eu