Erste dem König überreichte Bittschrift

über die Komödie Tartuffe

 

Sire, da es Aufgabe der Komödie ist, die Menschen auf unterhaltsame Weise zu bessern, glaubte ich, in der Stellung, die ich innehabe, nichts Besseres tun zu können, als durch lächerliche Darstellungen die Laster meines Jahrhunderts anzugreifen; und weil die Heuchelei zweifellos eines der verbreitetsten, unangenehmsten und gefährlichsten ist, kam mir, Majestät der Gedanke, dass ich allen rechtschaffenen Menschen Eures Königreiches keinen geringen Dienst erwiese, wenn ich eine Komödie verfasste, die die Heuchler öffentlich anprangerte und all das affige und doch so wohlüberlegte Gebaren dieser über die Maßen ehrbaren Leute so recht offenbar werden ließe, all den Lug und Trug dieser Münzfälscher der Frömmigkeit die die Leute mit geheucheltem Glaubenseifer und sophistischer Nächstenliebe nasführen wollen.

Diese Komödie, Sire, habe ich, wie ich meine, mit all der Sorgfalt und Umsicht verfasst, wie sie ein so heikler Gegenstand verlangen konnte; und um die Wertschätzung und die Achtung, die wir den wahrhaft Frommen schulden, besser zu wahren, habe ich den Charakter, von den, ich handeln wollte, so gut es mir möglich war von ihnen abgegrenzt. Ich habe keinerlei Zweideutigkeit belassen, ich habe alles gestrichen, was Gut und Böse hätte  verwechseln lassen können, und habe bei dieser Darstellung nur deutliche Farben und markante Linien verwendet die sogleich den echten und unverfrorenen Heuchler erkennbar machen.

Indes waren alle meine Vorsichtsmaßnahmen umsonst. Man hat, Sire, aus dem innigen Empfinden Eurer Seele in den Angelegenheiten der Religion Vorteil gezogen, und man hat es verstanden, Euch bei der einzigen Stelle zu nehmen, wo man Euch nehmen kann, nämlich bei der Achtung vor sakralen Dingen. Die Tartuffes waren so geschickt, sich in die Gnade Eurer Majestät einzuschleichen, und endlich haben die Originale ein Verbot der Kopie erwirkt, so unschuldig diese war und so gut sie jene auch getroffen haben mochte, Bedeutete es nun zwar einen empfindlichen Schlag für mich, dass mein Werk verboten wurde, so wurde doch mein Unglück durch die Art und Weise gemildert, in der sich Eure Majestät über diese Angelegenheit geäußert haben; und ich glaubte, Majestät hätten mir allen Grund zur Klage genommen, da Ihr die Großherzigkeit besaßt, zu erklären, dass Ihr an dieser Komödie, die öffentlich aufzuführen Ihr mir unter sagtet, nirgendwo Anstoß nähmt.

Aber trotz dieser rühmenswerten Erklärung des größten Königs der Welt, und des erlauchtesten, trotz der Billigung durch den Herrn Legaten und den größten Teil unserer Prälaten, die sich alle bei den Einzellesungen meines Werkes, die ich für sie machte, mit den Ansichten Eurer Majestät in Einklang fanden; trotz alledem, sage ich, gibt es ein Buch, verfasst durch Hochwürden von ***, das alle diese erhabenen Zeugnisse mit Nachdruck für falsch erklärt. Da mögen Eure Majestät sich aussprechen, da mögen der päpstliche Gesandte und die Herren Prälaten ihr Urteil abgeben: meine Komödie ist - völlig unbesehen - teuflisch, und teuflisch ist mein Hirn; ich bin ein Dämon, Fleisch geworden und als Mensch verkleidet, ein Sittenloser, ein Gottloser, einer exemplarischen Bestrafung würdig. Es ist nicht genug damit, dass das Feuer öffentlich meine Lästerung sühnt, ich wäre zu billig davongekommen; der mitleidige Eifer dieses noblen Ehrenmannes hält dabei noch lange nicht ein: er will nicht, dass ich Barmherzigkeit vor Gott finde, er will unbedingt, dass ich verdammt werde, das ist beschlossene Sache.

Dieses Buch, Sire, ist Euch überreicht worden; und sicherlich erkennt Ihr sehr gut selbst, wie ärgerlich es für mich ist, mich den Anwürfen dieser Herren Tag für Tag ausgesetzt zu sehen; welches Unrecht mir diese Verleumdungen vor der Welt zufügen, wenn ich sie hinnehmen muss; und welches Interesse ich endlich daran habe, mich vor diesen Lügen zu rechtfertigen und meinem Publikum zu zeigen, dass meine Komödie nichts weniger ist als das, wozu man sie machen will. Ich werde, Majestät, nicht sagen, was ich für mein Ansehen erbitten wollte und um die Unschuld meines Werkes vor jedermann zu rechtfertigen: erlauchte Könige wie Ihr sind nicht darauf angewiesen, dass man ihnen seine Wünsche anzeigt; sie sehen, wie Gott, was wir benötigen, und wissen besser als wir, was sie uns gewähren dürfen. Ich begnüge mich damit, mein Anliegen in die Hände Eurer Majestät zu legen, und ehrerbietig alles zu erwarten, was Ihr diesbezüglich zu bestimmen beliebt.

 

Nach einem weiteren erfolglosen Versuch die Komödie in entschärfter Form genehmigt zu bekommen, versuchte Molière 1667 erneut – und wieder vergeblich - den Monarchen in einer direkt ins Feldlager nach Flandern gesandten  zweiten Bittschrift zur Freigabe des Stückes zu bewegen.

Die dritte überlieferte Bittschrift am Tag der endlich genehmigten Aufführung des Tartuffe ist kurz gehalten und entbehrt nicht einer gewissen kuriosen Note.

 

Dritte dem König überreichte Bittschrift (1699)

Sire, ein sehr achtbarer Arzt, dessen Patient zu sein ich die Ehre habe, verspricht mir und will sich vor Notaren dazu verpflichten, mich noch dreißig Jahre am Leben zu erhalten, wenn ich bei Eurer Majestät eine Gunst für ihn erwirken kann. Ich habe ihm auf sein Versprechen geantwortet, dass ich nicht so viel von ihm verlange und dass ich zufrieden mit ihm wäre, sofern er sich nur verpflichtete, mich nicht umzubringen. Bei dieser Gunst, Majestät, handelt es sich um eine Pfründe Eurer königlichen Kapelle von Vincennes, freigeworden durch den Tod von ***. Darf ich es wagen, Eure Majestät am Tage der großen Wiedererweckung des Tartuffe, neu ins Leben gerufen durch Euer Wohlwollen, auch noch um diese Gunst zu bitten? Durch jene erste Gunstbezeugung bin ich mit den Devoten wieder ausgesöhnt; durch diese zweite wäre ich es auch mit den Ärzten. Dies wäre für mich ganz sicher zu viel Gnade auf einmal; aber vielleicht ist es für Eure Majestät nicht zu viel; und ich erwarte mit einiger respektvoller Hoffnung die Antwort auf meine Bittschrift.